Der Auferstandene beruft Nachfolger, Jüngerinnen und Jünger, nach seinem Vorbild und in seiner Kraft zu leben und andere zu lehren, das gleiche zu tun. Davon haben wir bereits gesprochen (Bibeltexte Matthäus 28,19) Im Johannesevangelium sagt der Auferstandene zu den Jüngern: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nehmt hin den Heiligen Geist.“
Der auferstandene Christus beruft uns und sendet uns mit dieser Berufung aus. Dabei sind wir nicht allein. Wir bekommen seinen Heiligen Geist. Dieser Geist ist dieselbe Kraft, die Jesus aus dem Tod auferweckt hat. Er ist der Geist, der den Tod und alles Böse überwinden kann. Er ist die größte mögliche Kraft in dieser Welt. Er macht den auferstanden Christus in uns gegenwärtig, das was Meister Eckart den Gottessohn in unserer Seele nennt.
Wir sind also berufen und ausgesandt. Doch ist es uns klar, wozu? Worin besteht meine spezielle Berufung, denn Berufung kann ja nicht allgemein für alle Menschen sein, sondern nur etwas Persönliches, da doch alle Menschen verschieden sind und ihren eigenen Weg der Berufung und Sendung finden müssen.
Das deutsche Wort Beruf ist von der Berufung abgeleitet. Das ist nun eine der großen Errungenschaften der Reformation, dass jeder „Beruf“ eine Berufung ist, also nicht wie in der Kirche vor der Reformation nur wenige in ein heiliges Leben berufen sind. Zu den Berufen gehören übrigens auch die nicht bezahlten Tätigkeiten (denn Berufung hat nichts mit Bezahlung zu tun). Die Kraft der Auferstehung im Alltag, im Beruf, erfahren und weitergeben, das folgte aus dem neuen Verständnis der Bibel in der Reformation. Heute ist nicht nur die Anzahl der Studiengänge und Berufe unermesslich gewachsen, sondern auch die individuellen Lebenswege oder Berufungen. Und oft stellt sich heraus, dass der Studiengang und später der eigene Beruf überhaupt keine Berufung ist, sondern nur etwas zum Geldverdienen, so dass vielleicht ein anderer Studiengang oder ein anderer Beruf gesucht wird, der mehr eine Berufung werden kann. Wenn die Verhältnisse nicht so wären, oder die Professoren, die Vorgesetzten etc. – würde ich dann schneller meine Berufung finden? Ist da nicht eher die Gefahr, dass ich durch ständigen Wechsel den Weg verliere? Anders gesagt, in jedem Beruf, in jedem Studium *kann *eine Berufung liegen.
Meister Eckart hat da eine Weisheit zu bieten, die vielleicht nicht sehr modern klingst, aber bedenkenswert ist. Er sagt: Ein Mensch kann nicht alle Weisen noch eines jeden (anderen) Weise haben. Ein jeder behalte sein gute Weise und beziehe alle (anderen) Weisen darein und ergreife in seiner Weise *alles* Gute und *alle* Weisen. … Was dir die eine Weise zu geben vermag, das kannst du auch in der anderen erreichen … Was die *eine* Weise zu geben vermag, das kannst du auch in der anderen erreichen, sofern sie nur gut und löblich ist und Gott allein im Auge hat.“
Das verstehe ich so. Wage es, dein eigenes Leben zu leben, deine eigene Berufung zu finden. Du kannst sie in jedem Beruf, in jedem Studium finden. Wenn du dich auf Gott ausrichtest, dann wirst du deine Berufung finden.

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen. Wenn ich das tue, achte ich besonders auf den Satz: „Und führe uns nicht in Versuchung.“
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich lasse meine Gedanken und Bilder vorbeiziehen. Ich halte mich an keinem Bild, keinem Gedanken fest. Dazu hilft mir der Atem. Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Wenn ich möchte, kann ich wieder meinen Atem mit diesem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Jesus Christus*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *rufe mich*
Das probieren wir so lange wir wollen.

Wir können schließen mit einem Gebet:
Barmherziger Gott, hilf mir, meine Berufung zu finden, den Weg, der im Einklang ist mit dem, was du für mich willst und wohin du mich sendest. Schenke mir dazu Deinen Heiligen Geist.
Amen
Michael Press