In der Corona Krise zeigt sich eine tolle Solidarität. Junge Menschen kaufen für ältere ein, viele melden sich in Krankenhäusern oder Gesundheitsämtern zur Mitarbeit, Pflegerinnen werden abendlich beklatscht, Verkäuferinnen gelobt, manche unterstützen die lokalen Buchläden oder Kunstschaffende.
Die andere Seite ist, dass alte und neue Risse sich auftun. Die ausländischen Arbeiter auf den Spargelfeldern sind nach wie vor unterbezahlt und meist wenig geschützt. Menschen in Pflegeheimen sind weitgehend isoliert und abgeschnitten von Verwandtenbesuchen. Es gibt Selbstständige, auch freie Künstlerinnen, Studierende oder Musiker, die nicht von Schutzschirmen oder staatlichen Zuwendungen erreicht sind. Die Angst vor Ansteckung führt auch zu manch überzogener Ausgrenzung von vermeintlichen Ansteckungsträgern, wenn zum Beispiel einer Krankenschwester gesagt wird, sie solle nicht mehr einkaufen gehen oder nicht mehr den gemeinsamen Hausgarten benutzen. Die Menschen in den Flüchtlingslagern in Griechenland oder der Türkei sind noch viel schlimmer dran.
Von Gemeinsinn und Solidarität ist viel die Rede, doch Angst, Kontaktverluste und gegenläufige Interessenskonflikte gefährden oder zerstören den Gemeinsinn.
In diesen Meditationen suche ich Inspiration von biblischen Texten zur Auferstehung und von Texten Meister Eckarts, des großen mittelalterlichen Theologen. Da erfahre ich, dass der Auferstandene in* einem* Geist und *einem *Körper mit allen verbunden ist. Paulus schreibt (1. Korintherbrief 12): „Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. … Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.“
Es geht also darum, den Zusammenhang und gemeinsamen Geist unserer verschiedenen Gaben und Aufgaben zu erkennen, denn wir sind aufeinander angewiesen und wir leben in einem gemeinsamen Körper, von dem sich kein einzelnes Glied losreißen kann. Dieses Gefühl der gegenseitigen Verbundenheit gilt es zu entdecken.
Meister Eckart geht noch einen Schritt weiter. Wenn ich unsere Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit anerkenne, dann komme ich dazu, zu erkennen, dass wir im Miteinander und Füreinander auch eine gemeinsame Gnade und einen gemeinsamen Geist spüren. Ich merke dann, dass das, was das Auge im Körper tut, auch mir, dem Fuß zugute kommt und umgekehrt. Denn alle Glieder leben von derselben Gnade: „Ich sage ein Gleichnis: Im Leib sind alle Teile des Leibes so geeint, dass das Auge auch dem Fuß und der Fuß dem Auge gehört. … Ebenso meine ich, im Reiche der Himmel ist alles in allem und alles eins und alles unser … Was dort einer hat, das hat auch der andere und zwar nicht als von dem anderen oder in dem anderen, sondern als in ihm selbst dergestalt, dass die Gnade, die in einem ist, völlig auch im andern ist.“

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen.
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich erinnere mich daran, was andere Menschen für gute Sachen getan haben. Ich führe mir einiges vor Augen und versuche mich daran einfach selbstlos zu freuen.
Wenn ich möchte, kann ich dann wieder meinen Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Viele Gaben*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *ein Geist*
Das probieren wir so lange wir wollen.

Wir können schließen mit einem Gebet, zum Beispiel:
Barmherziger Gott, ich danke Dir für die vielen Gaben von mir und der Menschen, die ich kenne.
Ich bitte dich, dass ich und wir alle besser erkennen, dass diese Gaben von dem einen Geist der Auferstehung herkommen. Hilf uns, Gemeinschaft und Solidarität zu leben, unsere gegenseitige Abhängigkeit in gegenseitige Unterstützung umzusetzen und das Wohl des Anderen vorrangig zu sehen auch in diesen schwierigen Zeiten.
Amen
Morgen ist der Zweite Sonntag nach Ostern, an dem es einen Semesteranfangsgottesdienst hier gibt:
markuskirche-muenchen.de/semesteranfangsgottesdienst_2020-04
Ab nächster Woche gilt die Maskenpflicht in vielen Räumen, demnächst auch im Gottesdienstraum. Ich möchte daher die Meditationen am Montag fortsetzen, indem ich frage: Wer bin ich eigentlich?
Feedbacks, Fragen und Kommentare sind herzlich willkommen.
Michael Press