Seit dieser Woche gilt deutschlandweit eine Maskenpflicht. Sie soll vor Ansteckung schützen und bedeutet zugleich eine erhebliche Veränderung unserer gegenseitigen Wahrnehmung als Person. Die Menschen in vielen ostasiatischen Kulturen sind auch ohne Corona darin eingeübt, sich „Masken“ zu zeigen, damit meine ich das eine reibungslose Kommunikation ermöglichende nicht individuelle Lächeln, so dass in diesen Ländern auch die Schutzmaske als selbstverständlich von allen übernommen wurde. In den Ländern, die von der europäischen Aufklärung geprägt sind, wurden die höfischen oder theatralischen Masken dagegen als Verstellung der authentischen Persönlichkeit abgelehnt und abgeschafft. Wer sich eine Maske aufsetzte, hatte etwas zu verbergen, in einer freien Gesellschaft müsse man sich aber frei und ungeschützt so zeigen, wie man sei. Allerdings spielen auch wir Europäer viele Rollen und haben dementsprechende Gesichtszüge in unserem Repertoire: man denke etwa an den werbenden Liebhaber, den Schmeichler, den Unterwürfigen, den Hochstapler, den Stolzen, den Neidischen und Eifersüchtigen, den strengen Familienvater, die liebevolle Mutter, oder die unter einer Schminkmaske verborgene verjüngte Frau (Klischees eingeschlossen). Auf dem Theater sind seit der griechischen Tragödie Masken aufgetreten, um Personen darzustellen. Das lateinische Wort Persona kommt von dem Wort „Maske“ (das ist die Rolle im Theater). Die von Corona veranlassten Masken stammen allerdings aus dem Krankenhaus. Sie kennzeichnen jeden Träger als potentiellen Gefährder, als Virusträger.
Wer also bin ich, wenn ich so viele Masken oder Rollen spiele? Welche dieser Masken oder Rollen bin ich wirklich? Oder wer bin ich hinter den Masken, die ich zeige?
Einer der Grundtexte der Bibel dazu steht ganz am Anfang in der Schöpfungsgeschichte: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau.“ Dies ist ein Grundtext nicht nur der christlichen Sicht des Menschen, sondern auch unserer Kultur und Philosophie. Denn, weil die Menschen einzigartig sind als Ebenbilder Gottes, haben sie eine unverlierbare und wie das Grundgesetz sagt „unveräußerliche“ Menschenwürde, die allen Menschen zukommt völlig unabhängig von ihren Taten, Verdinesten, Verstandesleistungen oder Behinderungen. Allen Menschen wird diese Würde zugesprochen. Das ist die Grundlage der Menschenrechte, so wie sie seit der Aufklärung und seit der UN-Erklärung von 1948 weltweit gelten. Umstritten ist aber, woher diese unverlierbare und nicht zu verdienende Menschenwürde kommt. Für Christen ist sie dadurch begründet, dass Gott die Menschen zu seinem Bilde erschaffen hat. Das bedeutet, dass Gott mit jedem einzelnen Menschen in Beziehung tritt. Gott spricht uns an, gibt uns einen Auftrag und erwartet von uns eine Antwort. Dies geschieht nach der Bibel und der klassischen Philosophie in der Seele und auch im Gewissen.
Für Meister Eckart ist Gott in unserer Seele anwesend, dort begegnen wir ihm im Sohn: „Es ist eine Kraft in der Seele, die ist weiter als der weite Himmel … so weit, dass man es nicht recht auszusprechen vermag.“ „Dieser Tempel, darin Gott gewaltig herrschen will, das ist des Menschen Seele, die er als ihm selbst gleich gebildet und geschaffen hat wie wir lesen (Genesis 1,26)… So gleich ihm selber hat er des Menschen Seele gemacht, dass im Himmelreich noch auf Erden unter allen herrlichen Kreaturen, die Gott so wundervoll geschaffen hat, keine ist, die ihm so gleicht wie einzig des Menschen Seele.“

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann.
Wenn du möchtest, kannst du vor der Meditation einen Blick in einen Spiegel werfen. Dazu sagst du deinem Spiegelbild freundlich: Hallo, du Ebenbild Gottes, freut mich, dich zu sehen!
Dann setze ich mich hin und schließe die Augen ganz oder halb. Ich lasse meine Gedanken und Bilder kommen und gehen und konzentriere mich auf meinen Atem, Ein und Aus. Immer wieder kann ich zu dem Gedanken zurückkommen: Ebenbild Gottes bin ich.
Wenn ich möchte, kann ich auch meinen Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Du*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *in mir*

Wir können schließen mit einem Gebet, zum Beispiel:
Barmherziger Gott, ich danke Dir dafür, dass du mich als dein Ebenbild geschaffen hast, ohne dass ich irgendetwas dazu tun konnte.
Ich bitte dich, hilf mir, dass ich diese große Würde, die du mir gibst, schätze und lebe.
Ich bitte, dass wir alle die Würde und die Rechte aller Menschen achten und respektieren. Gib mir Kraft, dass ich protestiere, wenn die Würde anderer Menschen missachtet wird und dass ich anderen helfe zu verstehen, dass alle Menschen diese Würde haben, unabhängig von ihren Verdiensten, Leistungen, Beeinträchtigungen und Lebensumständen.
Amen
Michael Press