In diesen Tagen, wo vieles, was Freude macht, Gespräche und Begegnungen mit wirklichen Menschen (nicht nur über Internet), Reisen, Ausflüge nicht möglich sind, muss ich manchmal aufpassen, dass mich das nicht schwermütig macht. Was mir dann hilft, sind die Erinnerungen an frühere Begegnungen und Reisen, ebenso wie die Hoffnung auf zukünftige Gespräche und Reisen. Vor allem hilft es mir, wenn mir klar wird, was für einen großen Schatz ich habe. Das ist wie in der kleinen Geschichte, die Jesus erzählt. „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.“ (Matthäus 13,44).
Der Schatz ist verborgen. Im alltäglichen Leben findest du ihn nicht. Du musst schon einen Tipp, eine Schatzkarte, einen Hinweis bekommen, wo du suchen musst. Manche suchen auch ganz systematisch mit Metalldetektoren, finden aber meistens nichts. Es sind auch Hindernisse zu überwinden, um ihn zu finden: Der Acker gehört dir nicht und du kannst den Schatz nicht einfach stehlen, dann wäre er nichts mehr wert. Du musst also erst den Acker kaufen und dazu musst du alles geben, was du hast. Jeden Euro. Du musst das, was du bisher erarbeitet hast und besitzt, aufgeben. Es ist ein Risiko, denn du weißt gar nicht, ob sich das lohnt, du hast den Schatz ja noch nicht gesehen. Wenn du aber alles dafür hingegeben hast, endlich den Vertrag unterzeichnet hast und den Acker besitzt und dann hingehst mitten am Tag, nicht wie der Dieb in der Nacht, dann gräbst und den Schatz tatsächlich findest, ihn aus der Erde ausgräbst und in den Händen hältst — dann erst weißt du: es war aller Mühe wert.
Diesen Schatz nenne Meister Eckart das „Seelenfünklein“ oder die Gottesgeburt in der Seele. Das Wunderbare ist, wir alle haben dieses Fünklein in uns. Der Schatz ist verborgen in mir da. Nur normalerweise sehe ich ihn nicht und merke nichts davon. Wenn ich diesen Schatz aber einmal gefunden habe, dann merke ich, alles ist in ihm, mehr brauche ich nicht. Die Quelle allen Lebens ist in ihm enthalten. Und doch kann ich ihn nicht festhalten. Ich kann ihn nicht einmal richtig benennen, denn er entzieht sich allen Bildern und Worten. Doch muss ich davon reden. Meister Eckart: „ich habe gesagt, es sei eine Kraft in Geiste, die sei allein frei; … bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Licht des Geistes, bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Fünklein. Nun aber sage ich: es ist weder dies noch das, trotzdem ist es ein etwas, das ist erhabener über dies und das als der Himmel über der Erde (erhaben ist). …. Es ist von allen Namen frei und aller Formen bloß, ganz ledig und frei, wie Gott ledig und frei ist in sich selbst.“
Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen.
Ich setze mich hin und schließe die Augen ganz oder halb. Ich lasse meine Gedanken und Bilder kommen und gehen und konzentriere mich auf meinen Atem, Ein und Aus.
Ich versuche, die Gedanken und Bilder einfach vorbeiziehen und gehen zu lassen. Ich weiß, diese Gedanken und Bilder bin ich nicht. Ich kann sie gehen lassen. Ich kann von ihnen leer und ledig werden.
Wenn ich möchte, kann ich auch meinen Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Meine Seele*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *sucht Dich*

Am Ende kann ich mich tief verbeugen, dann aufstehen und mit neuem Mut in den Tag, denn ich ahne etwas von dem Schatz, der in meiner Seele verborgen ist.
Michael Press