In der Meditation und darüber hinaus ist heute das populärste Wort: Achtsamkeit. Achtsamkeit ist eine wichtige Haltung, im hier und jetzt aufmerksam zu sein für das, was dran ist und welchen Anforderungen ich mich stelle. Dieses Wort kommt aus der indischen, vor allem der buddhistischen Meditationspraxis. Auch in der christlichen Meditation ist es populär, jedoch benutzen die alten Meister andere Begriffe, die auf andere Erfahrungen weisen. Wir werden uns in den nächsten Tagen mit dem Begriff der Gelassenheit und der Abgeschiedenheit bei Meister Eckart beschäftigen. Gerade der erste Begriff hat eine erstaunliche moderne Karriere gemacht, wird aber von Meister Eckart als Loslassen verstanden.
Neben der Gelassenheit ist die Demut eine seit 200 Jahren von den christlichen Meistern und Lehrern empfohlene Tugend, die für moderne Ohren erst einmal altertümlich klingt. Jedoch gibt es auch moderne Ethiker, die die Demut als Grundlage einer Ethik der Wertschätzung wiederentdecken. So schreibt die Französin Corine Pelluchon in ihrer „Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Welt“ im Anschluss an den mittelalterlichen Theologen Bernhard von Clairvaux: Demut ist die Anerkennung der Zerbrechlichkeit und der Grenzen des Menschen, all dessen, was sich unserer Herrschaft entzieht. Die Demut entkleidet das Subjekt aller gesellschaftlich vorgegebenen Attribute und verbindet es mit allen anderen Menschen als begrenzten sterblichen Wesen. Demut ist ein Weg der Selbsterkenntnis, der dazu führt, sich nicht für besser als andere zu halten, sondern Mitleid und Sanftmut für sich und andere zu entwickeln. Diese Haltung hat nichts von Gleichgültigkeit oder Nachsichtigkeit, sondern ist eine existentielle Prüfung, in der ich durch Anerkenntnis und Leiden an meinen Grenzen zur Wertschätzung des begrenzten Wesens aller Menschen komme. Dazu muss ich lernen, mich selbst nicht zu belügen und meine Fehler vor Augen zu haben.
Meister Eckart setzt einen anderen Akzent, weil er die Ethik dem unterordnet, was uns am nächsten zu Gott bringt. Er sagt: Ich habe viele Schriften gelesen und mit ganzen Eifer danach gesucht, welche die höchste und beste Tugend sei, mit der sich der Mensch am meisten und allernächsten mit Gott verbindet … und durch die der Mensch in der größten Übereinstimmung mit dem Bilde stände, das er in Gott war. … Die Meister loben die Demut vor vielen anderen Tugenden. Ich aber lobe die Abgeschiedenheit vor aller Demut.“ Warum, werden wir morgen sehen.
Psalm 76,9: „Denn die sich demütigen, die erhöht er (Gott); und wer seine Augen niederschlägt, der wird genesen.“

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen.
Danach verneige ich mich tief aus dem Sitzen oder Stehen (ich kann auch mit meiner Stirn die Erde berühren, denn Demut heißt dienstwillig, während das lateinische Wort humilitas vom Erdboden kommt). Ich spüre in diese Haltung hinein.
Dann setze ich mich hin und schließe die Augen ganz oder halb.
Ich nehme mir den Satz vor: Ich bin nicht besser als alle anderen Menschen. Wir haben alle unsere Fehler und Grenzen. Das verbindet uns.
Wenn mich andere Gedanken ablenken, kann ich immer wieder zu meinem Atem zurückkommen. Im Ausatmen gebe ich mich hin: Nimm mich, wie ich bin, ich bin nicht perfekt. Im Einatmen empfange ich mein Leben neu als Geschenk.