In Corona Zeiten arbeiten und studieren viele von zuhause und merken, wie schwer es ist, dort Ablenkungen zu entgehen. In meinem Zimmer gibt es ständig etwas, das mich an anderes erinnert von den ungelesenen Büchern über das TV bis zum Gedanken, ich müsste mal aufräumen. Noch mehr Ablenkungen hält das ständig verfügbare Internet bereit, das sind ja nur ein paar Klicks zur weiten Welt. Noch einmal eine Steigerung der Ablenkung ist das bei vielen ständig angeschaltete Smartphone mit unaufhörlich eingehenden Freundesnachrichten oder Tweets. Wissenschaftler sagen, allein die Gegenwart des Smartphones oder verfügbaren Internets im selber Raum, ohne dass sie benutzt werden, nimmt einen Teil der Aufmerksamkeit, die für eine konzentrierte Tätigkeit dann fehlt und Stress verursacht, etwas zu verpassen. Diese Ablenkungen sind die größten Gegenspieler für eine achtsame Meditation. Andrerseits ist die Meditation ein großes Heilmittel gegen die Ablenkung und Zerstreuung. Inzwischen gibt es viele wissenschaftliche Studien, die bei kontinuierlicher Meditation eine größere Fähigkeit zur Konzentration, Resilienz und Stressreduzierung festgestellt haben.
Für Meister Eckart ist die Abgeschiedenheit oder Gelassenheit im Sinne von Weglassen oder Loslassen die größte Tugend und Voraussetzung für das Kommen Gottes in die Seele. Er stellt sie höher als die Demut, die ebenfalls eine hohe Tugend und Voraussetzung der Gottesgeburt ist, denn Abgeschiedenheit kann nicht ohne Demut sein. Meister Eckart sagt: Demut neigt sich selbst unter alle Kreaturen und in dieser Neigung geht der Mensch aus sich selbst heraus auf alle Kreaturen hin, wohingegen die Abgeschiedenheit in sich selbst bleibt. Die Abgeschiedenheit hat kein Absehen auf irgendwelche Neigung unter noch über irgendeine Kreatur; sie will weder drunter noch drüber sein, sie will aus sich selbst dastehen, niemand zu Liebe noch zu Leide, noch dies noch das: sie will nichts anderes als sein. Wer dies oder das sein will, der will etwas sein. Abgeschiedenheit hingegen will nichts sein. Daher bleiben alle Dinge von ihr unbeschwert (Traktat von der Abgeschiedenheit).
Abgeschiedenheit ist kein Dauerzustand, sondern die Vorbereitung für die Gotteserfahrung in der Seele. Wie wir in die Abgeschiedenheit bewusst hineingehen, so gehen wir auch wieder heraus. Was in der Abgeschiedenheit erfahren wird, wird auch meinen Alltag und mein Verhalten zu anderen Menschen verändern.

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen. Ich setze mich hin und schließe die Augen ganz oder halb.
Heute übe ich einige Schritte der Abgeschiedenheit.
Ich merke auf meinen Körper. Wie sitze ich, wo merke ich Verspannungen? Was fühlt sich gut an? Dann sage ich mir: Meine Seele ist da, auch wenn ich keine Sinneseindrücke von meinem Körper habe. Ich kann von den Sinnen des Körpers abgeschieden sein.
Ich merke auf meine Gefühle. Wie geht es mir? Was fühle ich? Bin ich an meine Gefühle gebunden, oder kann ich mich auch frei davon machen?
Ich kann mir sagen: Meine Seele ist nicht abhängig von meinen Gefühlen, ich kann von den wechselnden Gefühlen frei und abgeschieden werden.
Immer wieder kehrt meine Aufmerksamkeit zum Atmen zurück.
Schließlich merke ich auf meine Gedanken. Ich schaue sie an, lasse sie kommen und gehen. Ich merke, dass Gedanken sich verändern, kommen und gehen; sie sind Teil von mir, aber ich bin mehr als meine Gedanken. Indem ich sie kommen und gehen lasse und nicht festhalte, kann ich frei und abgeschieden vom Gedankenfluß werden.
Frei werden, abgeschieden von Sinneseindrücken, Gefühlen, Gedanken, das möchte ich üben.
Ich bleibe im Sitzen, so lange ich möchte. Dann verabschiede ich mich von der Meditation, kehre zu meinen Sinneswahrnehmungen (Sitzschmerzen?), Gefühlen und Gedanken zurück und freue mich über das Anti-Stress Training.
M.P.