Gelassenheit wird oft als Cool sein verstanden. Filme und Influencer zeigen coole Typen, die gelassen allen (Schicksals-)Schlägen ins Auge blicken und dem Schicksal auch mal cool die Faust aufs Auge geben. Gelassenheit ist das Gegenteil von Aufgeregtheit. Eine Haltung, die sich dem antiken stoischen Ideal annähert, sich nicht von den Gefühlen berühren zu lassen, sich von Affekten unabhängig zu machen und anzunehmen, was sowieso nicht zu ändern ist. Man spricht dann auch von stoischer Ruhe, denn die Aufregung und die Achterbahnfahrt der Gefühle ist stillgestellt. Also Corona oder Jobverlust, Überschwemmung oder Feuer, ich nehme es an und bleibe cool. Doch was ist dieses Coolsein? Ist es überhaupt erstrebenswert?
Bei Meister Eckart kommt das Wort Gelassenheit von loslassen und der althochdeutschen Sprachtradition gemäß von Gottergebenheit. Dieser Zusammenhang von loslassen und sich Gott ergeben wird in diesem Text deutlich (aus der Predigt 13): „Das Höchste und das Äußerste, was der Mensch lassen kann, das ist, dass er Gott lasse … der Mensch, der so im Willen Gottes steht, der will nichts anderes, als was Gott ist und was Gottes Wille ist. … er ist ledig und entäußert seiner selbst, und alles dessen, was er empfangen soll, dessen muss er ledig sein. … Dieser Mensch soll sich selbst und diese ganze Welt gelassen haben. … Wer sich gänzlich nur einen Augenblick ließe, dem würde alles gegeben. Wäre dagegen ein Mensch zwanzig Jahre lang gelassen und nähme sich selbst auch nur einen Augenblick zurück, so ward er noch nie gelassen.“
Ein einfaches Bild dafür ist ein gefülltes Glas. Es muss erst leer werden, allen Inhalt gehen lassen, damit es sich neu füllen kann. So muss der Mensch alle Inhalte, Ziele, Wünsche, Pläne, Absichten loslassen, damit Gott in ihn kommen und ihn ausfüllen kann.
Das empfinde ich als sehr schwer, denn es widerspricht fast allem, was ich gelernt habe. Mein Leben dreht sich sehr um Pläne, Ziele, Projekte und das gute Nutzen der Zeit. Dennoch ahne ich dieses andere Leben, das Leben im Loslassen, auf das mich Meister Eckart hinweist. In der Meditation möchte ich ein wenig davon lernen, was diese Gelassenheit bedeutet. Gelassenheit = Loslassen von sich und seinem Willen = offen werden für das Kommen Gottes.
In dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, steht am Anfang: Dein Reich komme, dein Wille geschehe! Nicht mein Reich, mein Wille. Das bedeutet Gelassenheit: Es Gott überlassen und von seinen eigenen Absichten abzulassen.

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen. Dabei betone ich besonders die ersten Zeilen: Dein Reich komme, dein Wille geschehe!
Ich setze mich hin und schließe die Augen ganz oder halb.
Ich merke auf meinen Körper: Wie sehr beansprucht mich meine Körperwahrnehmung. Kann ich sie loslassen?
Ich achte auf meine Gefühle: Beanspruchen sie mich, oder kann ich sie loslassen.
Schließlich merke ich auf meine Gedanken. Ich schaue sie an, lasse sie kommen und gehen. Indem ich sie kommen und gehen lasse, lerne ich loszulassen.
Immer wieder kehre ich mit meiner Aufmerksamkeit zu meinem Atem zurück. Ein und Aus.
Ich bleibe im Sitzen, so lange ich möchte. Dann verabschiede ich mich von der Meditation, kehre zu meinem Alltag gelassener zurück.
M.P.