Viele Menschen sehen ihre Umgebung und die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie sie sehen wollen. In einem bekannten Bild von Kleist, haben sie farbige Brillen auf, die die Welt in der ihnen passenden Farbe darstellen. Das ist besonders schwierig in Krisenzeiten, denn diese bringen das Gute und das Schlechte im Menschen ans Licht. Während sich das Gute in Solidarität, Wertschätzung, Rücksichtnahme und Hilfe für die Schwachen zeigt, gibt es viele, die die Krise dazu nützen, andere aufzuwiegeln mit Verschwörungstheorien und dem angeblichen Benennen von Schuldigen für die Verbreitung des Virus oder für nötige Maßnahmen zu seiner Einschränkung.
Es gibt Menschen, die können nicht akzeptieren, dass es eine reale Gefahr für die Gemeinschaft gibt und dass der Staat zum Schutz der Bevölkerung Ordnungsregeln aufstellen und die Einhaltung überwachen muss. Einige wollen lieber die Krisensituation für ihre eigenen Pläne nutzen und Chaos säen, andere lehnen die Einschränkungen für sich ab, können damit aber andere schädigen. Andere suchen immer einen Schuldigen, wenn etwas schlecht läuft.
Psychologen nennen den Narzissmus eine weit verbreitete Störung. Narzistische Menschen beziehen alles auf sich selbst im Sinne der Selbstliebe: Was nützt mir das? Wie stehe ich damit da? Wie steigern andere meine Selbstliebe und meine Großartigkeit?
Das Gegenteil zum Narzissmus ist die bereits erwähnte Tugend der Demut und der Gelassenheit im Sinne des Loslassens von sich und von der Haltung, alles auf sich zu beziehen. Gott werde ich jedenfalls nicht finden, wenn ich alles in der Welt auf mich beziehe, mit der Brille meines Narzissmus ansehe, oder mit einer anders getönten Brille die Wirklichkeit betrachte. Von all dem muss ich Abstand nehmen und loslassen. Ich kann aber nur loslassen, wenn ich darauf vertraue, dass Gott die Liebe ist und mir nichts anderes als seine Liebe schenkt. Meister Eckart sagt: „Ihr müsst dies wissen: die Menschen, die sich Gott überlassen und mit allem Fleiß seinen Willen suchen – was immer Gott einem solchen Menschen gib, das ist das Beste; sei dessen so gewiss, wie dass Gott lebt.“
Das bedeutet, wenn ich absehe von meiner getönten Sicht der Wirklichkeit und mich einlasse auf das, was Gott mir zukommen lässt, so wird mir das zum Segen und zum Besten, weil Gott mich liebt. Das muss nicht ein Segen in *meinem* Sinn oder im landläufigen Sinn sein, oft begegnet Gott mir zum Beispiel im Leiden oder in Krankheit. Entscheidend ist, dass ich in eine Haltung komme, von mir abzusehen und anzunehmen, was immer er mir schickt, indem ich es auf Gott und Jesus Christus beziehe. So schreibt der Kolosserbrief 2,6: „Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.“

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann.
Ich überlege mir, ob ich schon einmal erlebt habe, dass ich meine Meinung über eine eigene Erfahrung geändert habe und sie dann als Segen verstehen konnte.
Ich spreche wiederholt mit meiner inneren Stimme: ich danke Dir, Gott, dass in allem, was du mir schickst, ich deine Liebe finden kann.
Ich meditiere das einige Zeit.
Immer wieder kehre ich mit meiner Aufmerksamkeit zu meinem Atem zurück.
Ich bleibe im Sitzen, so lange ich möchte. Dann verabschiede ich mich von der Meditation und kehre gelassener in meinen Alltag zurück.
M.P.