Geht es Dir auch manchmal so? Die Gefühle überkommen mich. Ich verliere mich in ihnen. Himmelhochjauzend – zu Tode betrübt, wie Goethe dichtete, oder von Ärger „übermannt“, von Angst „in die Ecke gedrängt“, von Unlust oder Langeweile „gelähmt“ etc. Diese starken Gefühle, die manchmal quasi die Kontrolle über uns übernehmen könne, kommen aus Kindheitserfahrungen. Wer kleine Kinder vor Augen hat, kennt ihre Wut- und Schreianfälle, ihre Angst oder auch ihre hingebungsvolle Freude.
Normalerweise lernen wir beim Heranwachsen, stabil und kontrolliert mit diesen Gefühlen umzugehen. Doch wenn ich die Kontrolle übertreibe, brechen die Gefühle unerwartet hervor und überschwemmen mich.
Der rechte Umgang mit Emotionen ist seit den alten Zeiten auch immer wieder Thema der Anleitungen zur Meditation und Gebet gewesen. Einige Anleitungen versuchen, diese hervorbrechenden starken Gefühle durch Gegenmittel zu kurieren: zum Beispiel wenn ich wütend über mich oder andere bin, sich zu vergegenwärtigen, dass mich und auch die anderen Gott liebt. Andere empfehlen eine gewisse Gelassenheit und Distanzierung von den eigenen Gefühlen etwa indem ich mir sage: Ich bin zwar wütend, aber ich bin nicht meine Wut. Meine Wut kann mich nicht kontrollieren, denn ich kann mich von ihr distanzieren.
Einen Weg mit den eigenen Emotionen umzugehen bieten die biblischen Gebete, die Psalmen. Da geht es emotional auch eher heiß als kalt her. Zum Beispiel heißt es im 18. Psalm: „Es umfingen mich des Todes Bande, und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. … Als mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel, und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren. … Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern. Er errettete mich von meinen starken Feinden (das sind die inneren und die äußeren Feinde) … sie überwältigten mich zur Zeit meines Unglücks; aber der Herr ward meine Zuversicht. Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.“
Hier schenkt das Vertrauen auf die rettende Kraft Gottes die Befreiung von der Überwältigung der wie eine Besatzungsmacht erfahrenen Gefühle.

Meister Eckart erinnert daran, dass wir mit allen Gefühlen Gott „gleich werden“ können. Wenn wir die Gefühle in die Beziehung zu Gott hineinnehmen, werden wir nicht mehr von Ihnen überschwemmt, sondern begegnen Gott auch in ihnen, das heißt, “in der Bedrängnis wie im Wohlbefinden, im Weinen wie in Freuden; überall soll er dir gleich sein.“

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen, dann mit besonderer Beachtung von „Dein Wille geschehe“. Ich setze mich hin und schließe die Augen ganz oder halb.

Ich merke auf meine Gefühle. Wie geht es mir? Was fühle ich? Bin ich an meine Gefühle gebunden, oder kann ich mich auch frei davon machen?
Ich kann mir sagen: Meine Seele ist nicht abhängig von meinen Gefühlen, ich kann mit Gottes Hilfe mich von der Macht der wechselnden Gefühlen befreien.

Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem.

Ich bleibe im Sitzen, so lange ich möchte. Dann verabschiede ich mich von der Meditation und freue mich über das kleinen Fortschritte, die ich in den Alltag übernehmen kann.
M.P.