Der Apostel Paulus ist nach Jesus die faszinierendste Gestalt der frühen Kirche. Von unscheinbarem Äußeren, lebenslang von Krankheit geplagt, war er es, der mit starker Überzeugung den Weg des Christentums von den Juden zu den Heiden öffnete. Das war eine Konsequenz dessen, was Jesus durch seine charismatisches Überwinden von kulturellen und religiösen Grenzen vorgegeben hatte. Doch erst Paulus ist diesen Weg gegen den Widerstand der meisten Apostel und Prediger der frühen Kirche gegangen. Wie er selbst berichtet, war dieser neue Weg die Folge der Begegnung mit dem auferweckten Jesus Christus. Wenn Jesus Christus auferweckt ist, dann muss das durch den Geist Gottes geschehen sein. Dann ist Jesus Sohn Gottes und dann kann derselbe Geist Gottes, der ihn auferweckt hat, alle Menschen zu Kindern Gottes adoptieren und eine unvergleichliche Nähe zu Gott herstellen, die über jede kulturellen und religiösen Schranken hinweg geht.
Das ist kurzgefasst Gottes neuer Weg. Dafür musste Paulus sein Bild von Gott, dass er von seinen Eltern, Lehrern und Rabbis gelernt hat, korrigieren. Sicher nicht wegwerfen, denn der Gott der hebräischen Bibel, der Gott der Juden ist der Vater von Jesus Christus. Sicher haben auch die Juden zur Zeit des Paulus Heiden eingeladen, an diesen Gott zu glauben. Doch die Heiden mussten Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft werden. Für Paulus brauchen sie das nicht mehr, denn Gott hat ihnen durch Jesus Christus einen neuen Weg eröffnet. Der alte Weg, die Erwählung der Juden, der bleibt erhalten, doch Gott lässt sich nicht darauf festlegen. Er hat etwas Neues begonnen, dass auch die Juden irgendwann am Ende der Zeit, wenn Jesus Christus wiederkommen wird, anerkennen werden.
Auch Meister Eckart hat sich vor rund 700 Jahren mit Paulus beschäftigt: Sankt Paulus ließ Gott um Gottes willen; er ließ alles, was er von Gott nehmen konnte, und alles, was er von Gott empfangen konnte. Als er dies ließ, da ließ er Gott um Gottes willen, und da blieb ihm Gott, so wie Gott in sich selbst ist. Das Höchste und Äußerste, was der Mensch lassen kann, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse.“
Das verstehe ich so: Was wir von Paulus lernen können, ist es, unsere Gottesbilder immer wieder loszulassen. Es sind eben nur Bilder, kulturelle, religiöse, psychologische, Bilder der Eltern oder Großeltern, der Lehrerinnen, des eigenen Suchens, aber eben nur Bilder. Um Gott wirklich zu begegnen, müssen wir diese Bilder hinter uns lassen. Gott ist anders als unsere Vorstellungen und Bilder von ihm. Gott nimmt sich die Freiheit, immer neue Wege zu uns zu suchen und mit uns zu gehen.
Ich sitze einfach eine Zeit in der Stille und lasse alle Bilder und Gedanken vorbeiziehen, ohne sie festzuhalten. Immer wieder kehre ich meinen Fokus auf mein Atmen. Ein und Aus. Wenn ich möchte, kann ich innerlich das Wort „Du, Gott“ sprechen und an das Atmen binden