Neulich haben wir darüber meditiert, dass wir die Bilder von Gott loslassen müssen, um dem wirklichen Gott zu begegnen. Dennoch kommen wir nicht ohne Bilder aus, wenn wir von Gott sprechen. Auch die Bibel ist voller Bilder, männlicher und weiblicher Bilder von Gott.
Eines der mächtigsten Bilder ist Gott als Vater. Dieses Bild ist uns von Jesus gegeben, denn Jesus hat Gott Vater genannt, oder auf Aramäisch, seiner Sprache, Abba, was unserem Papa auch klanglich nahesteht. Also eine Anrede voller vertrauensvoller Nähe. Was diese Nähe bedeutet, kann man nur ermessen, wenn man sich dagegen hält, dass Gott zurzeit von Jesus meist weit entrückt und fern von den Menschen vorgestellt wurde. Anders bei Jesus: Er möchte uns so nahe sein wie ein Vater seinen Kindern nahe ist. Denn er sendet uns den Geist in unsere Herzen, der uns zu Kindern macht. Paulus sagt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen Untertanengeist empfangen, dass ihr euch fürchten müsst, sondern ihr habt einen Kindesgeist empfangen, durch den wir rufen können: Abba, lieber Vater. Dieser Geist gibt unserem Geist Zeugnis, dass wir Gottes Kinder sind.“
Was machen wir mit dem Paradox, dass wir einerseits alle Bilder von Gott loslassen müssen, andrerseits ohne Bilder gar nicht von Gott reden können und Jesus selber uns das Bild des liebenden Vaters gibt. Nun, wir haben alle Vaterbilder in uns, gute und traurige, liebevolle und verletzende. Denn wir haben alle unsere eigene Geschichte mit unserem Vater erlebt. Unsere Vaterbilder und Vatergeschichten dürfen wir aber nicht auf Gott projezieren. Wir müssen sie loslassen, wenn wir Gott finden wollen. Ja, Gott ist auch ein Vater, aber eben nicht so wie unsere Väter. Vielleicht könnte man sagen, wenn unsere Väter so wären wie Gott-Vater, dann wäre es gut, aber sie sind es meistens nicht, denn sie sind Menschen mit ihren Fehlern und Gott ist Gott. Wie auch sonst in der Meditation geht es also darum, über die Bilder hinauszukommen, sie loszulassen, um für eine Begegnung mit Gott offen zu werden.
Meister Eckart geht einen ähnlichen Weg. Für ihn bedeutet Vater der Ursprung von allem, der Anfang und Ursprung allen Lebens, die Urkraft des Seins. „Die Seele liebt … um des Einen willen, das in ihr verborgen ist und wahrer Vater ist, ein Beginn ohne jeden Beginn aller im Himmel und auf Erden.“ „Darum soll der Mensch sich sehr bemühen, dass er sich seiner selbst und aller Kreaturen entbilde und keinen Vater kenne als Gott allein.“
Das heißt, in der Meditation versuchen wir, über unsere Vorstellungen und Vaterbilder hinaus zu kommen zu dem einen Ursprung aller Dinge, Gott-Vater. Dazu können wir das Wort Meister Eckarts meditieren: *Vater ist gleichbedeutend mit dem Leben und Ursprung aller Dinge.*
Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann.
Ich setze mich hin und schließe die Augen ganz oder halb.
Ich kann ein Vaterunser sprechen und verweile mit meiner Aufmerksamkeit bei der Anrede „Vater unser“.
Ich sitze im Stillen und versuche, meine früheren Vatererfahrungen nicht festzuhalten.
Wenn ich möchte, kann ich auch meinen Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Abba,*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *lieber Vater*
Ich bleibe im Sitzen, so lange ich möchte. Dann verabschiede ich mich von der Meditation und kehre gelassener in meinen Alltag zurück.
M.P.