Wie ging es mit der Meditation gestern? Schaffst Du es schon ganz gut, Ablenkungen auszuschalten. Die äußeren Ablenkungen lassen sich meist relativ einfach für eine kurze Zeit abschalten. Die inneren Ablenkungen gehen nicht so einfach weg und lassen sich auch nicht einfach abschalten. Da hilft es sehr, sich immer wieder klarzumachen, dass diese Gedanken, Bilder, Grübeleien, Pläne in unserem Kopf und die vielen Sehnsüchte, Ziele, Absichten, Ängste und Erwartungen in unserer Seele nicht den Kern unserer Person ausmachen. Zumindest nicht nach dem christlichen Menschenbild. Den Kern der Person oder der Seele macht die Beziehung zu Gott aus, das Vertrauen, Sich-Einlassen, die Liebe und Hoffnung, die Gott in uns hervorruft. Deshalb sind sie auch das Ziel der Meditation. Das muss ich mir immer wieder klarmachen, denn das hilft mir, mich zu fokussieren.
Da ich gestern leider vergessen habe, das Bild anzuhängen, so kommt es jetzt.
Bereits bei den österlichen Meditationen habe ich gesagt, dass das Ziel der Meditation bei Meister Eckart die „Gottesgeburt in der Seele“ heißt. Das hört sich merkwürdig an, es geht aber eindeutig auf biblische Texte zurück, wonach wir als Söhne und Töchter Gottes durch den Heiligen Geist wiedergeboren werden (z.B. Paulus in Römer 8). Wie kommen wir dorthin? Der christliche Weg geht immer durch den Sohn, das ist Jesus Christus: „Niemand erkennt den Vater als der Sohn“ (Matthäus 11,27), oder: „Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6).
Meister Eckart versteht das so, dass wir, wenn wir zu Gott kommen wollen, nicht nur dem Sohn gleich sein sollen, sondern selber Sohn (oder Tochter) sein sollen. Das kann nur der Vater, also Gott, erreichen. Er macht uns zu Söhnen und Töchtern durch seine Liebe und Gnade. „Dieses Werk (der Sohnesgeburt) ist Gott so eigen, dass niemand als der Vater es zu wirken vermag. In diesem Werk wirkt Gott alle seine Werke. Wenn Gott dieses Werk, dass seine Geburt ist, in der Seele wirkt, so ist (diese) seine Geburt sein Werk, und die Geburt ist der Sohn. Dieses Werk wirkt Gott im Innersten der Seele und auch die Seele selbst kann nichts weiter dazu tun, als es zu erleiden.“
Wir können uns das vielleicht mit dem Bild eines Spiegels vorstellen, das übrigens auch Paulus benutzt. Wenn sich die sonne in einem Spiegel spiegelt, dann wird der Spiegel selber eine Sonne, er wirft Licht und kann sogar ein Feuer entzünden. So kann ich zum Spiegel Gottes werden, wenn es „erleide“, dass er zu mir kommt, oder biblischer, wenn ich durch den Heiligen Geist den Gottessohn in mir werden lasse.

Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich lasse meine Gedanken und Bilder vorbeiziehen. Ich halte mich an keinem Bild fest, denn ich möchte über die Bilder hinaus. Dazu hilft mir der Atem. Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Ich meditiere das Bild des Spiegels, in dem sich die Sonne spiegelt. So möchte ich mich als Spiegel Gott hinhalten, damit er mich zum Kind Gottes, seinem Sohn, seiner Tochter prägen kann.
Das probieren wir so lange wir wollen.