Im Gegensatz zu zyklischen Weltanschauungen, in denen es weder Anfang noch Ende gibt, ist unser Denken von einer gerichteten Zeit geprägt. Von Kindesbeinen an, lernen wir, indem uns erst von außen, dann von uns selbst Ziele gesetzt und abgearbeitet werden. Wir leben sozusagen von einem Projekt, von einem Ziel zum Nächsten. Dabei gab es schon immer die Gegenvorstellung von einer Zeit, die stilsteht, vom Leben im Augenblick ohne Ziel und Streben nach einem Ziel. „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“, so schließt der Inbegriff des nach Zielen strebenden Menschen, Faust den Pakt mit Mephistopheles.
In der jetzigen Corona-Zeit und der erzwungenen Pause für die einen, mehr Stress und Anspannung für andere, suchen viele nach solchen Augenblicken ohne Ziel und ohne Warum. Ein Mann berichtet zum Beispiel in der Zeitung, wie er beglückt jeden Morgen eine Stunde in einer Herde weidender Schafe auf der Wiese sitzt und an gar nichts denkt, ein Zustand, den wir gerne auch in der Meditation erreichen würden.
Gottes Anwesenheit in der Seele ist nach Meister Eckart jedenfalls ein Sein ohne Ziel, ohne Vergangenheit und Zukunft, ohne Warum und Wozu. Eine von vielen Stellen dazu: „Es gibt ein Etwas in der Seele, aus dem Erkenntnis und Liebe ausfließen. Wer dieses kennen lernt, der erkennt, worin die Seligkeit liegt. Es hat weder Vor noch Nach, und es wartet auf nichts Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren.“
Das erste Wort des auferstandenen Christus zu den Jüngern ist nach dem Johannesevangelium (Joh 20, 21): „Friede sei mit euch!“ Dieser Friede enthält alles: die Freude, Gelassenheit, Ruhe in Gott, in der mich nach nichts anderem mehr verlangt, in der es keine Projekte und Ziele mehr gibt.

Finde wieder einen Ort und Platz, wo du ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Wenn du willst, kannst du ein Vaterunser sprechen.
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich erinnere mich, wann ich mich in meinem Leben schon einmal wunschlos glücklich gefühlt habe. Ich versuche, mich an diese Erfahrung zu erinnern.
Dann lasse ich meine Gedanken und Bilder vorbeiziehen. Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Wenn ich möchte, kann ich wieder meinen Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Friede sei*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *mit Dir.*
Das probieren wir so lange wir wollen.
Wir können schließen mit einem Gebet: Jesus Christus, schenke mir und allen Menschen die Kraft deiner Auferstehung. Amen.
Vielleicht möchte ich nach der Meditation einige Gedanken festhalten. Wie war es? Was war schwer, was leicht? Was sind Hindernisse, was mag ich daran?
Michael Press