In der 50. Meditation mit Texten von Meister Eckart kommen wir auf ein zentrales Thema zurück, das uns immer wieder in der Meditation begleitet und eine Lebensaufgabe ist: Das Loslassen des eigenen Willens. Damit keine Missverständnisse entstehen, es ist gut und wichtig, einen eigenen Willen zu haben, selbständig zu sein, zu wissen, was man will. Die Aufklärung und die Moderne singen das hohe Lied der Autonomie und des selbstbestimmten eigenen Willens. Ich merke aber auch immer wieder, wie mein Wille an seine Grenzen stößt. Die Grenzen sind einmal mein eigenes Unvermögen: was hilft es mir etwas zu wollen, was ich doch nicht erreichen kann, z.B. weil die Umstände nicht so sind. Auch andere Menschen mit ihrem Eigenwillen begrenzen meinen. Meine eigenen Bilder von mir, wie ich mich sehe und wie ich mich haben möchte, geraten immer wieder in Konflikt mit der Realität. Manchen macht das richtig Angst, diese Konflikte zwischen dem eigenen Wollen und Können oder den Hindernissen. Das kommt z.B. dann heraus, wenn wichtige Prüfungen bevorstehen.
Dann ist da auch noch der Egoismus, der mir immer wieder ein Bein stellt. Wenn ich alles nur auf mich beziehe, wie soll ich dann ein liebender, auf andere Rücksicht nehmender, sozialer Mensch werden? In einer anderen Meditation habe ich bereits über den Narzißmus, die übersteigerte Ich-Bezogenheit, gesprochen, die wir in der Meditation ablegen wollen.
Für Meister Eckart ist das Loslassen des eigenen Willens der Schlüssel zu einem guten und sinnvollen Lebens. Doch wieder wäre es falsch, den eigenen Willen einfach aufzugeben. Im christlichen Glauben lasse ich den eigenen Willen so los, dass ich mich Gottes Willen anvertrauen. Ich verliere dann nicht meinen Willen, sondern ich erhalte ihn reicher zurück geschenkt. Angenommen Gott ist die Liebe in Person und sein Willen richtet sich auf die Liebe für die Welt (wobei Seine Liebe durchaus anderen Maßstäben als meine folgt), was würde es bedeuten, meinen Willen loszulassen und dafür Gottes Willen anzunehmen? Dann würde ich zu einem Menschen, wie es Jesus Christus war; zu einem Menschen, der die Liebe verkörpert.
So sagt Meister Eckart: „Die Leute sagen: Mit mir wird´s niemals recht, wenn ich nicht da oder dort bin und so oder so tue. Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar nichts. Es ist der Eigenwille. … Unser Herr sagte: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne zuerst sich selbst“ (Matthäus 16,24); daran ist alles gelegen. …Wo du dich findest, da lass von dir ab, das ist das Allerbeste.“

*Wo du dich findest, da lass ab von Dir*, das soll das Motto für die heutige Meditation sein.
Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen.
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Lege alle Ablenkungen weg. Wenn du willst, kannst du ein Vaterunser oder ein anderes Gebet sprechen. Ein für heute passendes Gebet wäre zum Beispiel: „Gott, du bist die Liebe, deshalb lege ich meinen Willen in deinen Willen: Dein Wille geschehe.“
Ich lasse meine Gedanken, Bilder, Vorstellungen im Kopf ziehen, ohne sie festzuhalten oder mich an ihnen festzuhalten. Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Ein-aus. Ich versuche nicht, die Atmung zu lenken, nehme sie nur wahr. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Du kannst wieder die Verbindung von einem Wort mit dem Atem üben.
Beim Ausatmen sagen wir innerlich: *Dein Wille*
Beim Einatmen sagen wir innerlich: *geschehe*
Das probieren wir so lange wir wollen.
Vielleicht möchte ich nach der Meditation einige Gedanken festhalten. Wie war es? Was war schwer, was leicht? Was sind Hindernisse, was mag ich daran?
MP