Alle Religionen haben über den Lauf des einzelnen Lebens nachgedacht. In den östlichen Religionen glaubt man, mit dem Karma aus früheren Leben geboren zu werden, so dass dieses Lebens in vorgegebenen Bahnen verläuft. Allerdings hat man als wiedergeborener Mensch die Chance, diesem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburt zu entkommen. Dazu muss man sein Leben richtig gestalten vor allem in dem letzten Drittel. Klassisch indisch ist die erste Lebensphase der Erziehung und Bildung gewidmet, in der zweiten wird eine Familie gegründet und Lebensunterhalt verdient und in der dritten zieht sich der ältere Mensch in die Einsamkeit zurück, um dort Gott zu suchen und ein heiliges Leben zu führen.
Die christlichen Mystiker beschreiben das Leben als eine Kurve. Am Anfang entfaltet es sich, die Kurve steigt. Irgendwann erreicht es seine volle Entfaltung, den Scheitelpunkt. Dann geht es abwärts. Doch daneben gibt es einen anderen Bogen, dessen Linie nicht von unten nach oben verläuft und dann wieder nach unten, sondern umgedreht von oben nach unten anfängt. Das Leben wird dann als Geschenk von Gott, von oben, wahrgenommen. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen“, sagt Jesus. Während der Mensch heranwächst, geht er immer mehr Kompromisse ein, weicht von seinen Idealen ab und gerät in fragwürdige Abhängigkeiten. Das, was im anderen Bogen die Entfaltung in der Welt ist, ist hier der untere Scheitelpunkt. Doch dann gibt Gott die Möglichkeit, das Leben zu wenden. Das nennt die Bibel „Umkehr“, eigentlich Umwenden. Wenn ich mich abwende von den Verstrickungen und fragwürdigen Kompromissen und Gott zuwende, wendet sich mein Leben. Es kommt auf Ansehen, Macht oder Besitz in meinem Leben nicht an, sondern ganz andere Dinge werden wichtig. Von nun an wird das Leben von Gott getragen und ich überlasse mich seinem Willen, wie Meister Eckart sagt.
Wenn das richtig ist, käme alles darauf an, von dem einen Bogen, dem aufsteigenden und absteigenden auf den anderen, den Bogen der Gnade Gottes hinüber zu wechseln. Meister Eckart sagt: Was unter mir ist, beschwert mich nicht. Wenn ich rein nur nach Gott strebte, so dass nichts über mir wäre als Gott, so würde mich nichts bedrücken.“
Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen.
Ich setze mich hin und schließe die Augen ganz oder halb. Ich lasse meine Gedanken und Bilder kommen und gehen und konzentriere mich auf meinen Atem, Ein und Aus.
Ich versuche, die Gedanken und Bilder einfach vorbeiziehen und gehen zu lassen. Ich weiß, diese Gedanken und Bilder bin ich nicht. Ich kann sie gehen lassen.
Wenn ich möchte, kann ich auch meinen Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Du Gott*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *richtest mich auf.*
Am Ende kann ich mich verbeugen, dann aufstehen und mit neuem Mut in den Tag gehen. MP