Gerade war ich auf der zweiten Etappe des Münchner Jakobswegs mit Studenten unterwegs. Es ging vom Kloser Andechs nach Starnberg. Das Kloster Andechs ist nicht nur wegen seines Biergartens bekannt, der gut besucht war, sondern es war neben Aachen und Trier auch eines der wichtigsten Pilgerziele in Deutschland im späten Mittelalter. Grund dafür war die „Weisung“ oder Schaustellung der Reliquien verschiedener Heiliger und der „Heiligen Drei Hostien.“ Diese „Weisung“ gibt es heute nicht mehr, dennoch kommen jährlich ca. 30.000 Pilger in Gruppen und viele Einzelpilger nach Andechs, wovon viele Votivbilder und -Kerzen in der Kirche Zeugnis geben. Andechs ist auch ein großes Wirtschaftsgut, das nach nachhaltigen Prinzipien geführt wird, auch die Hofpfisterei bezieht ihr Biogetreide teilweise von hier.
Pilgern hat Konjunktur. Auch viele Menschen, die keinen kirchlichen Glauben haben, begeben sich auf eine Pilgerreise. Von der Pilgerreise erhoffen sie sich Orientierung für ihre Lebensreise. Wer auf seinem Lebensweg sich verirrt hat, das Ziel, die Orientierung oder den Antrieb verloren hat, der hofft, dies auf der Pilgerreise wieder zu finden. Eine Pilgerreise setzt ein Ziel voraus, meist ein heiliger Ort, an dem Jahrhunderte lang Menschen gebetet haben und Gott näher gekommen sind. Vielleicht finde ich dort auch etwas für mich?
Auch der Weg selbst und die Vorbereitung gehören dazu. Ich muss alte Dinge loslassen und kann nur wenig einpacken und mitnehmen. Ich muss mir eine Karte und eine Orientierung suchen. Ich muss abschätzen, wieviel ich kann, was in mir steckt, ob ich den Weg schaffe? Letztlich muss ich mit mir ins Reine kommen, mir über meine Ziele klar werden, mein eigenes Tempo finden, damit der Weg gut für mich wird. Auch mein Verhältnis zur Natur und Schöpfung kann ich überdenken. Wie ernähre ich mich auf der Wanderung? Wie nehme ich die Natur wahr, ihre Störungen (Mücken!) und ihre Schönheit?
Wenn alles gelingt, werde ich hoffentlich neue Perspektiven für mein Leben entdecken, die über meine Wünsche hinausgehen.
Meister Eckart beschreibt dieses Entdecken von etwas Neuem mit der Bedingung, dass ich von meinen vorgefassten Meinungen und Gedanken loslasse, was wir täglich auch in der Meditation üben. „Es ist eine Kraft in der Seele, die ist weiter als der Himmel, der da unglaublich weit ist, so weit, dass man es nicht recht auszusprechen vermag. … Gott ist in sich selbst so hoch, dass kein Erkennen noch Begehren dahin zu gelangen vermag. … Das Begehren ist weit, unermesslich weit. Alles aber, was das Begehren zu begehren vermag, das ist nicht Gott. Wo der Verstand und das Begehren enden … da leuchtet Gott.“ Erst wo das Begehren und der Verstand enden, da leuchtet Gott: das soll das Motto für die Meditation sein.
Heute können wir die Meditation auf einem langen Spaziergang durch die Natur machen. Versuchen wir dabei, nicht nur Corona bedingt Abstand zu halten, sondern sogar allein zu gehen und bewusst die Natur wahrzunehmen, die Form der Pflanzen, Blätter, Gräser, das Summen der Insekten und Singen der Vögel. Dabei versuchen wir uns von allen Gedanken, Vorstellungen und Wünschen immer wieder frei zu machen, indem wir bewusst wahrnehmen ohne zu bewerten oder einzuordnen. Dazu hilft uns die schon oft praktizierte Achtsamkeit auf das Atmen, oder auch den Rhythmus der eigenen Schritte.
Viel Spaß!
MP