Es gibt viele Dinge, die zwischen uns und der Erfahrung der Gegenwart von Christus oder von Gott in unserer eigenen Seele stehen. Es gibt viel, was uns von der Ruhe und dem Frieden fernhält. Da sind die schweifenden Gedanken und Pläne, die Vergangenheit, an der wir tragen; die Sorgen der Gegenwart. Man könnte all dies Hindernisse nennen, die daher kommen, dass wir uns festhalten an dem Geschaffenen und noch nicht zum Ungeschaffenen durchgebrochen sind. Meister Eckart sagt dazu: „Nun könntest du einwenden: Je nun, Herr, Ihr meint immerzu, es müsse dahin kommen, dass in mir diese Geburt (Gottes) geschehe. Könnte ich dafür ein Zeichen haben, woran ich erkennen könnte, dass es wirklich geschehen wäre? … Ja, in der Tat. Wenn diese Geburt wirklich geschehen ist, dann können dich alle Kreaturen (alles Geschaffene) nicht mehr hindern; sie weisen dich ja vielmehr alle zu Gott und zu dieser Geburt … Ja, was dir vorher ein Hindernis war, das fördert dich nun. Ja in allem, was du siehst, und hörst, was es auch sei, kannst du nichts anderes aufnehmen als diese Geburt; ja, alle Dinge werden dir lauter (purer) Gott, denn in allen Dingen hast du nichts im Auge als nur mehr Gott. Das ist wie wenn ein Mensch die Sonne lange ansähe. Was er danach ansähe, darin erschiene ihm das Bild der Sonne.“
Wenn ich Gott in meiner Seele finde, dann finde ich ihn in allen Geschöpfen. Alles, was geschaffen ist, weist mich zu Gott. Gott ist aller Dinge Grund.
Auch in einer berühmten Ostergeschichte geht es um das dingliche Sehen. Der Apostel Thomas kann nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist, solange er es nicht mit eigenen Augen gesehen hat und seine Finger in seine Nägelmale und die Wunde in seiner Seite gelegt hat. Als der auferstandene Jesus Christus den Jüngern nach acht Tagen begegnet, erlaubt er Thomas, seine Finger in die Wunde in seiner Seite zu legen. Es gibt dazu ein berühmtes Bild des italienischen Malers Caravaggio (das in Potsdam hängt), wo in drastischem Realismus der skeptische Thomas mit seinem Finger die große Seitenwunde von Jesus untersucht. Doch der Sinn dieser Geschichte ist gerade, über den Realismus, über das Sichtbare hinauszukommen. Das Sichtbare ist nur Abbild des Unsichtbaren. Der Leib des Auferstandenen wird verwandelt werden. So sagt der Auferstandene zu Thomas und zu uns allen: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Johannes 20, 24-29).
Nicht sehen, sich nicht an das Geschaffene halten, sondern glauben, das Ungeschaffene sehen, den auferstandenen Sohn Gottes, das verbindet Meister Eckart mit dieser Ostergeschichte.

Finde wieder einen Ort und Platz, wo du ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Wenn du willst, kannst du ein Vaterunser sprechen.
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich lasse meine Gedanken und Bilder vorbeiziehen. Ich halte mich an keinem Bild fest, denn ich möchte über die Bilder hinaus. Dazu hilft mir der Atem.
Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf. Ich kann mir immer wieder die Seligpreisung von Jesus wiederholen:
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Wenn ich möchte, kann ich wieder meinen Atem mit diesem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Nicht sehen*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *doch glauben.*
Das probieren wir so lange wir wollen.
Wir können schließen mit einem Gebet: Jesus Christus, schenke mir und allen Menschen die Kraft deiner Auferstehung. Amen.
Vielleicht möchte ich nach der Meditation einige Gedanken festhalten. Wie war es? Was war schwer, was leicht? Was sind Hindernisse, was mag ich daran?
Michael Press