Es gibt österliche Texte in der Bibel, deren Worte ein „mystisches“ Einswerden von Gott und Mensch nahe legen, so wie es auch Meister Eckart uns immer wieder nahe legt. So spricht Jesus in seiner letzten Rede vor seinem Tod über sein Vermächtnis: „Ich bitte für die, die an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (Johannes 17, 21). Dieser Text macht das Einssein von Gott und Jesus Christus zum Modell für das Einssein der Glaubenden, der Gemeinde. Das Einssein von Gott und Jesus Christus, das die Auferweckung des Sohnes für alle sichtbar gemacht hat, soll auch sichtbar sein im Einssein der Glaubenden. Ziel ist die Welt: Sie soll aus dem Einssein erkennen und glauben, dass Jesus Sohn Gottes und eins mit dem Gott ist.
Diesen Text haben diejenigen, die sich seit vielen Jahren für die sichtbare Einheit der Christen einsetzen, die man „Ökumene“ nennt, immer als stärkste Ermutigung verstanden. Mit Recht, denn nichts ist schlimmer als die andauernden Streitigkeiten der Kirchen untereinander und die andauernden Trennungen zum Beispiel beim Abendmahl. Allerdings meint das Einssein keine Einförmigkeit, denn auch beim Einswerden in der Liebe bleiben die Unterschiede zwischen den Liebenden bestehen. Es können also durchaus unterschiedliche Weisen, Traditionen und Gebräuche innerhalb des Einsseins bestehen, solange die grundsätzliche Einheit der Glaubenden aufleuchtet, „auf dass die Welt glaube.“ Diejenigen, die in der Ökumene aktiv sind, wissen, wie schwierig das ist. Deshalb hilft es, mit Meister Eckart sich das Einswerden in der Liebe vor Augen zu führen und zu meditieren. Er bezieht sich auf den Kirchenvater Augustinus aus dem 5. Jahrhundert:
„‚Sankt Augustinus sagt: Was der Mensch liebt, das wird er in der Liebe.‘ Sollen wir nun sagen: Wenn der Mensch Gott liebt, dass er dann Gott werde? Das klingt, wie wenn es Unglaube sei. (Aber) in der Liebe, die ein Mensch schenkt, gibt es keine Zwei, sondern (nur) Eins und Einung, und in der Liebe bin ich mehr Gott, als dass ich in mir selbst bin.“ Und an einer anderen Stelle: „Soweit der Mensch sich selbst verleugnet und mit Gott vereint wird, soweit ist er mehr Gott als Kreatur. Wenn der Mensch seiner selbst völlig entäußert ist um Gottes willen und er niemandem mehr gehört als Gott allein und für nichts mehr lebt als einzig für Gott, dann ist er wahrlich dasselbe durch Gnade, was Gott ist von Natur.“
Das verstehe ich als eine Vision für eine große Verwandlung durch die Gnade Gottes, die Gott in der Auferweckung von Jesus Christus gezeigt und die er uns alle versprochen hat. Das uns allen verständliche Modell dafür ist die Verwandlung in der (menschlichen) Liebe. Auch da Passiert es, dass wir die Geliebte so sehr lieben und so sehr aus uns herausgehen und mit ihr verschmelzen, dass aus zwei eins wird. Nun wäre viel zu sagen zum Unterschied zwischen der Liebe zu Gott oder Christus und der Liebe zwischen Menschen und dem unterschiedlichen Einswerden; heute geht es um den österlichen Kern: Einswerden durch Christi Liebe zu uns und unserer Liebe zu ihm und die Macht des Einsseins, die daraus entsteht. Ich kann sie nicht festhalten, aber ein Augenblick dieses Einsseins reicht, um mich zu verwandeln. Paulus hat das, was da passiert, so beschrieben: „Nicht mehr ich lebe, sondern der (auferstandene) Christus lebt in mir“ (Galater 2,20).

Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Wenn du willst, kannst du ein Vaterunser sprechen.
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich lasse meine Gedanken und Bilder vorbeiziehen. Ich halte mich an keinem Bild fest, denn ich möchte über die Bilder hinaus. Dazu hilft mir der Atem. Ich kann, wenn ich möchte den Satz des Augustinus mir immer wieder aufsagen: Was du liebst, das wirst du in der Liebe!
Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Wenn ich möchte, kann ich wieder meinen Atem mit diesem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Ich in Dir*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *Du in mir*
Das probieren wir so lange wir wollen.
Wir können schließen mit einem Gebet:
Gott, du möchtest, dass wir das Einssein in der Liebe von dir den Menschen zeigen.
Noch so viel trennt uns voneinander. So viele Grenzen, Mauern und Hindernisse stehen zwischen uns.
Gib uns die Kraft und den Mut, Grenzen zu überwinden, Mauern einzureißen und Hindernisse zu überspringen durch die Liebe, die du uns schenkst.
Amen
(In Zeiten von Kontaktsperren ist es gerade wichtig, sich zu vergewissern, dass wir trotzdem eins sein können.)