Verlorene Zeit?
Ist die Zeit, in der wir wegen Corona zuhause sitzen müssen, verlorene Zeit? Ist es nicht für die Wirtschaft, die Gaststätten, die gesamte Kultur von Musik bis zu den Museen, vielleicht für meinen Job eine verlorene Zeit, auch für Reisen, Besuche, soziale Kontakte … ? Aber was ist verloren? Und ist es unwiederbringlich verloren?
Abgesehen von Corona: Immer wieder gibt es dieses Innehalten und Zurückblicken im Leben: Ist die Zeit verloren? War dieser Lebensabschnitt umsonst? War diese Beziehung, war dieses Projekt verlorene Zeit?
Ich habe mich in den letzten Jahren das sehr oft gefragt: War diese Zeit in meinem Leben verlorene, verschwendete Zeit? Je älter ich werde, desto mehr reduzieren sich die Möglichkeiten, etwas aufzuholen, neu anzufangen, die Möglichkeiten sind vergangen, die getroffenen oder unterlassenen Entscheidungen waren im Rückblick nicht richtig. Muss ich mich damit abfinden, dass ich diese Zeit verloren habe, wo ich soviel hätte anders und besser machen können?
Nein, sagt die Bibel, sagen die Erzählungen von der Auferstehung. Das Leben von Jesus, was er gesagt und gelebt hat, war durch seinen grausamen Tod nicht verloren. Wenn ich mich von ihm da hineinziehen lasse, dann wird die verlorene Zeit gerettete Zeit. Das meint doch Paulus, wenn er sagt: „Wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Römer 6,5). In der Auferstehung ist alle Zeit, ist unser ganzes Leben da – und es ist durch Gott versöhnt. Wir sind mit dem Verlust versöhnt. Es gibt keine verlorene Zeit mehr in meinem Leben, denn sie ist in Gott aufgehoben. Sie ist in ihm erhalten und geheilt. Das befreit von der Trauer um die scheinbar verlorene Zeit.
Meister Eckart sagt: „Wenn immer sich dieser Wille von sich selbst (seinen eigenen Interessen) und aller Geschaffenheit (dem Interesse an Dingen) nur einen Augenblick zurück in seinen ersten Ursprung kehrt (dort, wo Gott anwesend ist), so steht der Wille in seiner rechten freien Art und ist frei; und in diesem Augenblick wird alle verlorene Zeit wieder eingebracht.“ „Mit Gott kann man nichts versäumen.“
Das will ich mir zum Motto meiner heutigen Meditation machen, denn auch das Stillsitzen in der Meditation ist nie verlorene Zeit, auch wenn ich keine unmittelbaren Ergebnisse sehe. „Mit Gott kann man nichts versäumen.“
Ich finde wieder einen Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Vielleicht möchte ich ein Vaterunser sprechen.
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich lasse meine Gedanken und Bilder vorbeiziehen. Ich halte mich an keinem Bild fest, denn ich möchte über die Bilder hinaus. Dazu hilft mir der Atem. Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Wenn ich möchte, kann ich wieder meinen Atem mit diesem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sage ich innerlich: *Jetzt*
Beim Einatmen sage ich innerlich: *bei Dir*
Das probieren wir so lange wir wollen.
Wir können schließen mit einem Gebet:
Barmherziger Gott, wenn ich trauere um die verlorene Zeit wegen des Virus oder wegen falscher Entscheidungen, dann schenke mir die Gewissheit, dass in dir alle Zeit, auch meine Zeit versöhnt ist.
Schenke allen Menschen, die jetzt viel verloren haben, diese Kraft, die aus deiner Auferstehung kommt.
Amen