Ostern vor einem Jahr, mitten im ersten Lockdown, habe ich mit begonnen, in diesem Blog Meditationen aufzuschreiben. Zu Beginn der Passionszeit 2021 sind wir immer noch im Lockdown, neue Virusmutationen bedrohen die zwischenzeitlich erreichten Erfolge. Ich sehne mich wie viele andere danach, endlich wieder ein normales Leben zu führen. Die psychologischen Beratungsstellen sehen immer mehr von Einsamkeit, Depression und Angst geschädigte junge Menschen. Ich möchte deshalb in dieser Passionszeit mit neuen Meditationen den Trost und die Hoffnung weitergeben, die das Evangelium, die Christus für uns hat.
Wie ich mich beim letzten Mal auf den mittelalterlichen Mystiker Meister Eckart bezogen habe, so werde ich auch jetzt mich von christlichen Meistern der Spiritualität inspirieren lassen, denn ich lerne viel von ihnen, was ich weitergeben möchte. Ich beginne mit Martin Luther, der im Jahr 1527 die Pest in Wittenberg erlebte. Die Pest war das Coronavirus des Mittelalters und der frühen Neuzeit, nur dass es keine Medizin, keine Impfungen und keine Wissenschaft über die Ursachen und den Schutz dagegen gab. Wer es sich leisten konnte, floh die Stadt, in der die Pest ausbrach; wer dableiben musste, versuchte sich und seine Familie zu isolieren.
Luther verließ die Stadt trotz Aufforderung des Kurfürsten nicht; auch nicht als die Universität wegen des Ausbruchs nach Jena verlegt wurde und die meisten Studenten und Professoren die Stadt verlassen hatten. Luther hielt weiter Gottesdienste und Vorlesungen in Wittenberg und nahm in seinem Haus mehrere Erkrankte auf, zum Beispiel die Schwester des Stadtpfarrers Bugenhagen, die bereits von Pest erkrankt und schwanger war. Im Haus war auch seine eigene Frau Käthe hochschwanger und also gefährdet.
Das war kein Leichtsinn, sondern tätige christliche Nächstenliebe. Luther verurteilte diejenigen nicht, die vor der Seuche geflohen sind, nicht alle seien stark im Vertrauen auf Gott und bleiben in der Gefahr für Leib und Leben. Gott habe durchaus erlaubt, Krankheit und Tod zu fliehen und Vorsicht zu üben. Streng verurteilt werden müsse der Leichtsinn, die Gefahr zu missachten oder zu leugnen und andere dadurch bewusst zu gefährden oder deren Gefährdung in Kauf zu nehmen. Wer den Rat der Mediziner missachte, handle „barbarisch“. Stattdessen müsse man jegliche medizinische oder hygienische und obrigkeitliche Maßnahme zur Bekämpfung der Seuche befolgen und sich für die in Not Geratenen einsetzen, wenn nicht durch tatkräftige Hilfe, so mindestens durch Spenden. Vor allem sei das Gebet füreinander die größte Hilfe und Stärkung, die es gäbe. Luther fordert deshalb in seinen Briefen immer wieder auf, für ihn und für die Kranken zu beten. In aller Not müsse man weiter Gottes Wort verkündigen, denn das habe Gott allen Christen aufgegeben und das sei in der Gefahr wichtiger als alles andere. Hier tobt ein Kampf zwischen Gott und Teufel um den Glauben und um die Menschen, der viel schlimmer sei, als es die Pest je sein könne.
(Martin Luther, Ob man vor dem Sterben fliehen möge. WA 23, 338–372, Gerhard Ebeling, Luthers Seelsorge ans einen Briefen dargestellt, Tübingen 1997, 376ff.. Foto: Die alte Universität von Wittenberg, in der auch Luther wohnte)
Ich kann folgende Fragen meditieren: Suche ich auch in der Pandemie nach Gott? Erkenne ich die Medizin als eine von Gott gegebene Hilfe in der Bekämpfung der Krankheit? Für wen kann ich beten? Wer betet für mich und stärkt mich durch sein Gebet. Vielleicht bitte ich jemanden, für mich zu beten?
Michael Press