Psalm 118 geht weiter: Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?
Der Herr ist mit mir, mir zu helfen; und ich werde herabsehen auf meine Feinde.
Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen.
Sie umgeben, ja umringen mich; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Sie umgeben mich wie Bienen, sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren. Man stößt mich, dass ich fallen soll; aber der Herr hilft mir.
In diesen Versen wird ein schwieriges Thema verhandelt, das aber häufig in den Psalmen begegnet: Das Verhältnis des Beters zu seinen Feinden. Der Beter sieht sich von Feinden umringt und verfolgt, die ihn vernichten wollen. Er vertraut auf die Zusage Gottes, ihn zu retten und die stolzen und übergriffigen Feinde zu verderben.
Luther bezieht das natürlich auf seine Situation, in der die vereinten Mächte von Kaiser (Staatsgewalt) und katholische Kirche (damals ebenfalls weltliche Mächte) die reformatorische Kirche und speziell ihre Führer bekämpfen und mit Hinrichtung und Tod bedrohen, was durch die damaligen Gesetze gegen Ketzerei gedeckt war. Es steht eben immer der „kleine Haufen“ der Christen (das sind die Glaubenden, nicht identisch mit den Kirchenmitgliedern) gegen die über Maßen vielen und gewaltigen Gegner. Mit dem Bienenbild Luthers: „Sie schwirren und sausen mit ihren Flügeln und stoßen ihren Stachel in den Christus hinein, kühlen so ihr Mütchen zu ihrem ewigen Schaden.“ „Was können mir Menschen, römische Kaiser, Papst, Könige, Fürsten, Bischöfe … tun? Sie werden dich erwürgen. – Was wollen sie danach tun? Vielleicht wieder auferwecken und noch einmal töten? Obwohl sie auch nicht töten können noch sollen, mein Herr erlaube es ihnen denn zuvor und sage mirs an, dass ers ihnen erlauben wolle. Sie pochen auf ihre Macht und Gut … solange der Herr uns beisteht, solange wollen wir gut bestehen bleiben. Und wenn sie uns drüber töten, wohlan, so haben sie den Herrn noch nicht getötet, der sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben (Joh 14,19).“
Hier spricht eine Zuversicht in der Verfolgung, die wohl nur wenige von uns so teilen können, zumal diese Situation uns ziemlich fremd ist.
Näher ist manchen die Erfahrung: Verlasst euch nicht auf Menschen, auch nicht auf die Mächtigen, die Fürsten, die können nicht helfen, denn auch sie werden zu Staub werden (siehe Psalm 146,3). Hier kommt nach Luther das erste Gebot ins Spiel: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, sagt Gott. Wenn wir uns auf etwas verlassen, oder in Luthers Worten unser Herz daran hängen, dann brechen wir dieses Gebot, denn verlassen und unser Herz hängen sollen wir nur an Gott. Allerdings ist es nach Luther so, dass dieses Gebot von fast niemanden eingehalten wird, denn „die ganze Welt“ traut und baut auf Menschen und Fürsten und tritt das erste Gebot mit Füßen, unwissentlich, möchte man ergänzen. Dabei sind die Fürsten und Regierungen durchaus wichtig, um in der Welt Frieden zu schaffen und Krieg und Streit zu wehren. Aber verlassen soll man sich nicht auf sie. Das lernen wir gerade in der Pandemie.
Doch wie kann man unterscheiden, welches der wahre Haufen der Christen ist, da sich doch auch die Gegner und Verfolger darauf berufen, Christen und Glaubende zu sein? Die Unterscheidung der Geister ist eine wichtige Frage für die alttestamentlichen Propheten: welcher der vielen Propheten und derer, die beanspruchen, im Namen Gottes zu sprechen, hat denn wirklich Gottes Geist?
Auch hier antwortet Luther nach den Kriterien, welche die Bibel vorgibt:
Erstens, sieh auf dein Gewissen (wo du Gott findest), das wird dich nicht betrügen.
Zweitens, sie auf die Früchte, den guten Baum erkennt man an den Früchten: Auf wen setzt du deinen Trost? Auf Gott oder auf Menschen?
Drittens: Bist du friedlich oder verfolgst du deine Sache mit Gewalt und List? Willst du jemanden Schaden zufügen, oder erleidest du lieber Unrecht ohne dich zu wehren?
Viertens: Werden die Gebote eingehalten, also z.B. „wüstes Leben gestraft“, Lästern, Fluchen und Lügen unterbunden, die Ehe in Ehren gehalten und die Jugend mit Gottes Wort erzogen?
Da wird man sicher heute manches anders sehen, aber im Prinzip ist für Luther das Zeichen für Glauben und Gottes Geist ein Leben nach Gottes Geboten.
Ganz anders als manche denken, sind die Gebote und ein Leben nach hohen ethischen Maßstäben kein Gegensatz zur Rechtfertigung allein aus Glauben ohne Werke. An ihren Früchten (Taten) soll man die Christen erkennen. Die Taten sind der Ausweis des Heiligen Geistes.