Angefochtener Glaube
Glaube hat als Zwilling die Anfechtung immer bei sich. Das war Luthers persönliche Erfahrung und zugleich seine Erkenntnis der Bibel. Man kann sich nicht ausruhen im Glauben und man kann den Glauben nicht haben und festhalten. Glauben ist immer angefochten so wie Gottes Herrschaft (Basileia) immer angefochten ist.
Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, in dem der (evangelikale) Prediger rief: Seid ihr fest im Glauben? Glaubt ihr, dass euch Christus erlöst habt? Dann ruft alle: Ja, ich glaube. Ganz anders geht es vielen in unseren Gemeinden. Sie fragen sich, wie sie das Apostolische Glaubensbekenntnis mitsprechen können, da sie doch manches darin zumindest dem Wortlaut nach nicht verstehen. Sie fragen sich, ob sie wirklich jeden Tag glauben, dass Christus sie erlöst hat. Sie fragen sich, wovon überhaupt erlöst. Und wo ist denn das neue Leben, das die Bibel verspricht? Sie fragen sich, wo ist Gott, wenn Kinder im Mittelmeer ertrinken, weil sie nach Europa wollen, oder wenn die Pflegerin an Corona stirbt nach Ansteckung während ihrer Arbeit?
Luthers Erfahrung der Anfechtung des Glaubens ist mir vertrauter als eine vorgetragene Glaubenssicherheit. Für Luther steht hinter der Anfechtung der Widersacher Gottes. Das können wir als eine mittelalterliche Marotte abtun, vorsichtig sollte uns aber ein Blick ins Neue Testament machen, schließlich wird auch Jesus vom Teufel versucht/angefochten, und sind seine wichtigsten Taten, die Dämonen auszutreiben durch Gottes Geist, z.B. Mat 12,28. Und auch für Paulus verstellt sich der Teufel als Engel des Lichts (2.Kor 11,14). Die Anfechtungen erleben viele Christen, ohne dass sie diese dem Teufel zuschreiben. Der Teufel ist dann eine mythologische Personalisierung einer Angst.
Während der Pest in Wittenberg 1527 erlebt Luther Tiefpunkte der Anfechtung. Es sei nicht genug, dass Leiber durch die Pest zerstört werden, auch die Seelen werden durch Irrglauben und Sekten zerstört. So wird es geradezu zum Zeichen echten Glaubens, die Anfechtungen und Zweifel zu durchleben. Erst dann wird der eigene Wille, der eigene Irrglaube untergehen. So schreibt er schon 1516: „Nicht der hat Frieden, den niemand stört – das ist der Frieden der Welt -, sondern derjenige, der von allen und allem aufgestört wird und dies insgesamt ruhig erträgt … Das Kreuz hört auf, Kreuz zu sein, wenn du fröhlich sagst: Gesegnet sei das Kreuz …“ (Ebeling, Luthers Seelsorge, 398). Nach Luther ist das christliche Leben Glaube in Anfechtung, Zweifel und Kampf. Die Anfechtung trifft von außen, durch Verfolgung, Spott, Anklagen, aber auch durch Krankheiten und ständige Todesbedrohung. Sie trifft aber auch von innen, indem ich ständig von Gott darauf gestoßen werde, dass ich auch sündige, egoistisch und lieblos bin und Christus verraten habe.
Luther schreibt in einem Brief Ende November 1527 (Ebeling 399f): Ich bin zwischen diese zwei Herrscher geworfen (Gott und den Herrscher der Welt) und werde auf elendste zerdrückt. Wie Hiob geht es mir. Ich habe dem Teufel immer widersprochen, doch habe ich auch viel getan und tue es noch, was sein Werk ist. Nachdem der Teufel vergeblich versucht hat, die Verkündigung des Wortes Gottes zu zerstören, so versucht er jetzt meinen Glauben zu zerstören. Mein einziger Trost ist, dass Christus barmherzig ist und verzeiht. Doch wird nichts von Gott verherrlicht was nicht zuvor gekreuzigt ist. Der Teufel versteckt sich als Engel des Lichts, ja als Christus selbst. So ist er der große Verführer und Lügner. Doch Christus hat mich bewahrt und wird mich mit Hilfe eurer Gebete auch bis zum Ende bewahren. Wenn ich diese Anfechtung nicht hätte, würde ich nur mich selber rühmen. Und wenig später schreibt er: „Das Einzige, wessen ich mich rühmen (trösten) kann, ist, dass Christus unser Leben und unsere Gerechtigkeit ist, die aber in Gott verborgen ist.“
Das heißt, das christliche Leben kann sich gegenüber Gott auf keine eigene Leistungen berufen, auch auf keinen festen Glauben, denn wir sind alle „unnütze Knechte“ (Luk 17,10). Es ist die dem Menschen fremde Gerechtigkeit Gottes, mit der Christus in uns Gott verherrlicht. Der Glaube versetzt uns in Christus, dort finde ich Trost. Doch Zweifel und Anfechtung gehören zum Glauben, soweit er unser menschlicher Akt ist.