Angst ist heute wieder ein großes Thema für immer mehr Menschen. Auf einmal erscheint das behütete und materiell abgesicherte Leben wieder als bedroht. Klimawandel, Epidemien, eine unsichere Zukunft, fehlende Veränderungen stellen eine gute Zukunft in Frage. Auch Luther kannte solche Angst, er lebte auch in einem viel unsicheren Zeitalter, wo mitten im Leben der Tod immer vor Augen stand. Hinter den verschiedenen Ängsten steckt nach Luther die eine Todesangst. Nur der Mensch weiß von allen Lebewesen, dass er sterben muß. Menschliches Sein ist ein Vorlaufen zum Tod und Antizipieren des Todes, heute allzu oft auch ein Verdrängen.
Was hilft gegen die Angst? Der Glaube an die Auferstehung. Wenn im Johannes Evangelium Jesus bei der Auferweckung des Lazarus aus dem Tod sagt: „Ich bin die Auferweckung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird in Ewigkeit nicht sterben“ so gibt er sich als Sieger zu erkennen über die Macht des Todes, alles Leben unwiderruflich zu beenden und in Frage zu stellen. Jeder muss sterben, wenn sein Körper seine Funktionen einstellt, aber manche sind schon innerlich tot, während ihr Körper und ihr Verstand funktionieren. Hingegen bekommt der Glaubende Anteil am Sieg Christi über den Tod (so entfaltet in der Schrift „Die Freiheit eines Christenmenschen“ von 1520).
Wie geht das und was heisst das? Nach Luther geht es so, dass die Seele oder der menschliche Geist die Worte Christi, er sei die Auferstehung und das Leben und er sei auferstanden, aufsaugt (lateinisch: absorbere – absorbiert), bis das Wort sie ganz erfüllt und ausfüllt. Die das Wort aufsaugende Seele übergibt sich vollständig in Christi Liebe wie eine Braut sich dem Bräutigam übergibt und sich mit ihm vereinigt. In dieser Vereinigung kommt es zu dem „wunderbaren Wechsel und Tausch.“ Die Seele bekommt alles geschenkt, was der Bräutigam Christus hat. Dazu gehört das Ewige Leben, also Leben jenseits des Todes mit Christus in Gott. Und dazu gehört Gerechtigkeit und Liebe. Die Seele kann diese gewaltigen Geschenke nicht als ihren Besitz festhalten, aber sie kann sie im Glauben immer wieder ergreifen. Wenn sie so die Auferstehung und das Ewige Leben ergreift, dann verliert sie die Angst vor dem Tod. Nichts kann ihr mehr die Verbundenheit mit Gott und Christus nehmen. Vor allem im Gottesdienst, im Abendmahl erfährt sie diese Einheit mit Gott und den Vorgeschmack des Ewigen Lebens. Ihre Sünde, in der sie noch lebt, muss immer wieder am Kreuz Christi sterben, damit der Glaubende mit Christus „als neuer Mensch“ auferstehen kann. Das Leben ist Gottes Geschenk und es ist das Ganze, in das der Mensch durch den Tod eintritt. Das nimmt die Sorge und Angst vor dem Verlust des Lebens und es nimmt das Bedürfnis, sein Leben zu sichern.
Ein schönes Beispiel dafür ist ein Brief Luthers vom 5.3.1522 an den Kurfürste, der dem (in Reichsacht lebenden) Luther militärischen Schutz für eine Reise angeboten hatte: „Ich komme gen Wittenberg in gar viel höhern Schutz denn des Kurfürsten. Ich hab`s auch nicht im Sinn, von EKFG (Eure Kurfürstliche Gnaden) Schutz zu begehren. Ich halte dafür, ich wolle EKFG mehr schützen, denn sie mich schützen könnte. … Gott muss hier allein schaffen ohne alles menschliche Sorgen und Zutun. Darum, wer am meisten glaubt, der wird hier am meisten schützen. Dieweil ich denn nun spüre, dass EKFG noch gar schwach ist im Glauben, kann ich keineswegs EKFG für den Mann ansehen, der mich schützen oder retten könnte.“