Was ist Wahrheit in der Corona Zeit? Darum soll es heute und morgen im Blog gehen (die Meditationen werden danach fortgesetzt).
Ich beginne mit dem Augenarzt Li Wenliang aus Wuhan, der Ende Dezemnber eine Warnung vor einem neuen Sars Virus an Kollegen schickte. Vier Tage später wurde er in die örtliche Polizeistation einbestellt, wo er beschuldigt wurde, die Sicherheit und Ordnung zu beschädigen. Bei Androhung von Strafe wurde ihm verboten, weiter von dem Virus zu schreiben oder zu erzählen.
Die lokalen Behörden, die sowohl von Li Wenliang wie von anderen Ärzten Anfang Januar von dem Covid 19 Virus informiert wurden, gaben die Nachrichten nicht an das nationale Seuchenzentrum in Peking weiter. Alle Beiträge über das Virus wurden in den sozialen Medien sofort gelöscht. Die Ärzte wurden von ihren Klinikleitungen zum Schweigen gebracht. Grund dafür war die Angst, durch schlechte Nachrichten in dem hierarchisch autoritären System von Partei und Regierung negativ aufzufallen. Der Arzt Li Wenliang starb am 7. Febr an Corona. Die vielen Beiträge der Trauer und Empörung über seinen Tod wurden von der Zensur sofort aus dem Internet gelöscht.
So wurde die Kontrolle und Eindämmung des Covid 19 Virus verzögert, bis es zu spät war. Fünf Millionen Menschen verließen Wuhan vor dem Shutdown am Chinesischen Neujahrsfest. Frühe Maßnahmen zur Eindämmung des Ausbruchs (Mitte Januar) hätten zwei Drittel aller Infektionen verhindert, errechneten Wissenschaftler später. Eine frühe Isolation Erkrankter hätte mehr Infektionen verhindert, als alle darauf folgenden drastischen Isolierungen und Ausgangssperren.
China hat Großes erreicht an wirtschaftlichem Wachstum, Überwindung von Armut und Modernisierung. Doch der Umgang mit Corona offenbart die Schattenseiten des Systems. Eine Partei will die Wahrheit kontrollieren. Unabhängiger Journalismus, Freiheit des Individuums und politische Demokratie sind Voraussetzung für eine Diskussion über die Wahrheit und die Unterscheidung von wahr und falsch. Fehlende Freiheiten, politische Diktaturen, mediale Polarisierungen führen zu Täuschungen und Lügen.
Das kommt nicht nur in China vor, wie jeder weiß. Der Fakten Check der Washington Post hat Präsident Trump 10.000 Falschaussagen in 800 Tagen nachgewiesen. Das Ergebnis einer solchen Politik sehen wir in den hohen Corona Opferzahlen vor allem unter den Armen und Farbigen in den USA.
Auch in Deutschland gab es eine Menge Betrug und Täuschungen, als die Regierung Milliarden von Euro bereitstellte, um der Wirtschaft zu helfen. Zur Zeit versammeln sich in Deutschland Protestgruppen gegen die Einschränkungen. Manche von ihnen folgen Verschwörungstheorien. Die sozialen Medien bieten die Plattform, um sie in rasender Geschwindigkeit zu verbreiten und zu vermehren. Emotionale Falschnachrichten appellieren stärker als statistische oder wissenschaftliche Nachrichten, weil sie Gefühle wie Wut, Angst und Empörung verstärken.
Solche Theorien und Unwahrheiten finden ihr millionenfaches Publikum, weil sie scheinbar einfache Erklärungen für komplexe Phänomene liefern: Für die Pandemie, die Erderwärmung, oder Wirtschaftskrisen. Es werden Feindbilder aufgebaut. Das Denken vieler Menschen ist durch den Boom bestimmter Serien und Thriller in Film und Literatur seit langer Zeit auf solche Verschwörungstheorien vorbereitet.
Du sollst nicht lügen, sagt das Achte der Zehn Gebote. Doch wir leben nach Meinung des Historikers Wolfgang Reinhard in einer Lügengesellschaft, in der Täuschungen unvermeidliche Bestandteile des politischen und wirtschaftlichen Geschäfts sind. Ursachen sind nicht nur der Machterhalt und das Streben nach Gewinn, sondern auch die Medien, die mehr und mehr eine virtuelle Welt präsentieren. Psychologen haben festgestellt, dass statistisch gesehen jeder einzelne von uns im Alltag mehrmals täglich nicht die Wahrheit sagt: aus Angst, aus Gefälligkeit, um sich oder andere zu schützen, um sich Vorteile zu verschaffen, oder aus Höflichkeit.
Ist es das letzte Wort, dass es keine Wahrheit gibt, und wir in einer post-truth society, einer postfaktischen Gesellschaft ohne Wahrheit leben?
Warum gilt die Lüge trotzdem moralisch als Übel? Weil sie Vertrauen zerstört. Wenn dich jemand immer wieder täuscht oder belügt, dann glaubst du ihm nicht mehr.
In der Partnerschaft, in der Familie zwischen Eltern und Kindern, auch zwischen Lehrer und Schüler gilt: *Eine* offenkundige Lüge kann das Vertrauen zerstören und die ganze Erziehung zunichte machen, wie schon Rousseau im 18. Jh wußte. „*Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, / und wenn er auch die Wahrheit spricht*“, hieß es früher. *Der Mund, der lügt, tötet die Seele*, sagt die Bibel (Weisheit Salomos 1, 11).
Wer öfters täuscht, der verliert Vertrauen, außer bei denen, die der Täuschung zu, weil sie selber in einer Blase der Selbsttäuschung leben und die Täuschung als Mittel zum Zweck eines Gewinns von Macht, oder Geld oder Einfluss ansehen.
In der Beziehung zwischen Menschen reißt die Unwahrheit eine Kluft auf, eine Kluft zwischen Absicht und Aussage. Wer das tut verliert nicht unbedingt Anerkennung: er verliert aber Integrität. Eine Welt, in der niemand mehr einem anderen trauen kann, wäre wahrhaftig eine dunkle, keine lebenswerte Welt. Wahrheit dagegen macht frei. Wer es lernt und sich daran hält, die Wahrheit zu suchen und die Wahrheit zu sagen, der kommt aus seinem Versteck, der tritt aus der Dunkelheit ans Licht.