Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass
durch einen Virus, der vor kurzem noch von vielen als weniger gefährlich als
die Influenza eingestuft wurde, es zu solchen drastischen Einschränkungen des
Lebens bei uns kommen würde. Wenn man die Nachrichten aus Norditalien verfolgt,
sind diese und vielleicht noch weitergehende Maßnahmen wie Ausgangssperren bitter
nötig. Auch die Kirche hat alle Veranstaltungen und Gottesdienste bis vorerst
19. April absagen müssen.  Am letzten
Sonntag habe ich noch Gottesdienst gefeiert mit vielen (auch katholischen
Besuchern), die mir sagten, wie wichtig ihnen in solchen Zeiten der
Gottesdienstbesuch sei. Nun versuchen wir, auf Medien umzustellen, die
persönliche Kontakte vermeiden, und doch zu vermitteln: wir sind gerade jetzt
für euch da! Auch für Seelsorge und Hilfe. Für alle Studierenden und
Hochschulangehörigen, die Hilfe brauchen.

Als Christ möchte ich jetzt nicht auf die
eigenen Einschränkungen blicken, sondern auf das Positive, was diese Krise
hervorbringt und was irgendwie schon immer da war. Viele stellen sich die
Frage, was braucht mein Nächster? Nächstenliebe in Zeiten des Virus passiert
überall und natürlich nicht nur bei Christen: Eltern haben den ganzen Tag Zeit
für ihre Kinder wegen home-office und home-schooling; viele versorgen ältere
Menschen, die nicht selber einkaufen gehen können. Die schwächeren und
gefährdeten Menschen werden geschont, indem wir uns an die Regeln halten und Kontakte
vermeiden. Wir nehmen aufeinander Rücksicht. Leider ist das noch nicht zu allen
durchgedrungen und leider wird es auch zu häuslichen Konflikten und Gewalt
kommen. Wir haben jede Menge aggressive, egoistische und liebevolle Potentiale,
aber die guten müssen gegen die destruktiven gefördert und gebildet werden.

Unser Gesundheitssystem ist gut, leidet aber
an Mangel von Pflegekräften wegen zu geringer Bezahlung. Ich denke an und danke
den so gering bezahlten Angestellten in den Lebensmittelläden, den Ärztinnen
und Pflegern, denen, die die Ämter am Laufen halten, der Polizei und vielen
mehr. Ich denke und bete für die Medizinstudentinnen und -studenten, die jetzt
aufgefordert werden, in den Krankenhäusern mitzuhelfen. Ich bete, dass alle
Reisenden gesund bleiben und heil zurückkommen und dass schleunigst die
Flüchtlingslager in Lesbos und anderswo evakuiert werden
und die Flüchtlinge in Sicherheit gebracht werden.

Die Coronakrise erinnert mich daran, dass ich
als Lebewesen nicht in einem virtuellen Raum, sondern in einer Biosphäre lebe.
Diese Biosphäre hat globale Ausmaße, sie ist identisch mit der Erde. Wenn das
Covid 19 Virus sich in wenigen Monaten von Fledermäusen in China über die ganze
Welt verbreiten kann, und trotz eines inzwischen viel besseren
Gesundheitssystems als zur Zeiten der Spanischen Grippe so viel Opfer fordert,
dann merken wir die Abhängigkeiten und Grenzen unseres biologischen Lebens.

Wir sind Teil dieser Erde, angewiesen auf
saubere Luft, sauberes Wasser, und Lebensmittel. Im Gegensatz zu den Egoismen
der Populisten (my nation, my group first), haben wir die Verantwortung, diese
globale Biosphäre der Erde vor Zerstörung, Verschmutzung und menschengemachten Klimawandel
zu bewahren, denn wir sind von ihr und voneinander abhängig. Regionale Grenzen
werden Makulatur. Muss uns erst ein Virus an diese Grunddaten unseres Lebens
erinnern?  

Wie der Journalist Bernd Ulrich in der ZEIT
schreibt:  „Am Ende dieser Krise wird die
Frage durch die leeren Straßen wehen: Gesundheit, Finanzen, Klima – wie viele
unsolidarische Systeme kann und will sich diese Gesellschaft noch leisten? …
Wie kann es sein, dass Klima-Aktivisten noch vor wenigen Wochen forderten, wir alle
müssten weniger reisen, weniger konsumieren, weniger breitbeinig leben – und
dafür angeschrien wurden? Da ging es um den Wunsch nach Vorschriften und
Verboten, für deren Nichtbeachtung man heute bestraft würde. Kann der Staat
etwa doch handeln?

Ähnliches gilt für die soziale Gerechtigkeit,
auch da verschiebt sich gerade was: Dass sich die einen mehr nehmen als die
anderen, nennt man in diesen Tagen »hamstern«, und es ist verpönt. Dass sich
die einen mehr nehmen als die anderen, nennt man sonst Marktwirtschaft, und es
ist heilig.“

Das Virus erinnert uns auch daran, dass mein
und unser Leben begrenzt ist und dass wir alle sterben müssen, hoffentlich
nicht so bald. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug
werden“, betet der Christ mit dem Psalm 90. Was meint das? Wenn wir uns
bewusstwerden, dass unser Leben begrenzt ist und das wir nichts aus ihm
mitnehmen können als unser Leben allein, dann fangen wir an zu überlegen. Ich
habe nur ein Leben: Was mache ich damit? Wofür lebe ich? Welche Rechte und
welche Pflichten folgen daraus, dass ich ein Leben unter anderen Leben bin? Ist
das Leben, das ich führe, das richtige oder was ist falsch, wo muss ich es
ändern? Wie nehme ich meine Verantwortung für anderes Leben und für meine
Biosphäre, für die Erde und ihre Lebewesen wahr? Was brauche ich wirklich? Viele
haben das „Ehrfurcht vor dem Leben“ genannt.

Die kommenden Tage und Wochen werden viel
Gelegenheit bieten, über solche Fragen nachzudenken.

Ich bin zu jeder Diskussion bereit,
michael.press@esg.uni-muenchen.de