Die bisher am niedrigsten bezahlten Berufe wie Altenpflegerinnen,
Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Paketausträger oder Lastwagenfahrer
werden systemrelevant, während die hochbezahlten Manager ins Homeoffice und
die Fabriken schließen müssen. Für 31 Milliarden Euro pro Woche wird die
Wirtschaft in Deutschland heruntergefahren und eingefroren, während die
Verkäuferinnen in den Supermärkten einen Osterbonus von 100 oder 200 Euro
erwarten dürfen. Wo feine Opernkostüme genäht wurden, da werden jetzt
Gesichtsmasken gefertigt, und die nicht fest angestellten Musikerinnen und
Künstler fragen sich mangels Einkommen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen.

Während wir zuhause festgesetzt werden, strahlt draußen der Frühling, als
wolle die Natur uns sagen: „Das Leben geht auch ohne dich weiter, Mensch!
Endlich ist die Luft wieder sauber(er), die Flüsse weniger verschmutzt.“
Doch das Virus, von einer fast ausgerotteten Fledermausart stammend, die
durch Menschen verdrängt und gejagt wurde, verbreitet sich ausgehend von
den Wet-Markets, den Tiermärkten Chinas, weiter um die Welt. Es kennt keine
Grenzen und keine Nationen und legt die Schwächen unserer seit Jahren
abgebauten Sozial- und Gesundheitssysteme offen, siehe die USA oder
Großbritannien. Wenn ich mit Schrecken auf andere Länder blicke, Italien,
Spanien, aber auch das große Afrika oder Indien, wo die meisten Menschen
ohne Krankenversicherung, Intensivbetten und staatlich unterstützte
Kurzarbeit auskommen müssen, wo sie von der Hand in den Mund leben und so
dicht zusammen, dass jedes Virus leichtes Spiel hat, dann möchte ich
verzweifeln.

Waren denn die vergangenen „sieben fetten Jahre“, von denen die Bibel
spricht (in der Josephsgeschichte), verschenkt? Haben wir es versäumt,
Vorsorge zu treffen für die Zeiten, die jetzt kommen? Vor allem: Werden wir
*nach* Corona die Kraft zu den nötigen Veränderungen finden, oder
zurückfallen in das Weiter-so-wie-bisher? Zurückzufallen wäre fatal! Doch
über die Veränderung gibt es überhaupt keine Einigkeit, sondern die alten
Konflikte und Interessen stehen nach wie vor gegeneinander. Lernen wir aus
der gemeinsamen Solidarität in der Krise, die Eigeninteressen nicht mehr
vor das Gemeinwohl zu stellen?

„Ich bete für eine kranke Welt“, sagte Papst Franziskus beim Segen für die
Stadt und die Welt (urbi et orbi), und die „Krankheit“ der Welt ist
durchaus mehrdeutig zu verstehen, wie dieser Papst oft eindrücklich gemahnt
hat.

Wenn alle Gewissheiten durcheinander geworfen werden, und die gewohnte Welt
Kopf steht, dann ist es für mich besonders wichtig, dem Tag eine Struktur
zu geben, sonst fließt er bei all den Informationen und Ersatzangeboten
davon. Für alle, die jetzt 23 oder 24 Stunden am Tag zuhause sitzen, ist es
wichtig, sich nicht treiben zu lassen, sondern sich so zu organisieren,
dass das Wichtige nicht vom Unwichtigen überspült wird. Was ist das
Wichtige?

Eine alte Nonne, die viele lange Jahre im Kloster verbracht hat, gibt mir
auf paar kleine Weisheiten den Weg: Legen Sie wiederkehrende feste Zeiten
für Aufstehen und Schlafengehen und für die Mahlzeiten fest. Teilen Sie die
Aufgaben im Haushalt auf alle Familienmitglieder auf. Machen Sie täglich
Sport und sorgen Sie für Ihren Körper. Sorgen Sie auch täglich für Ihren
Geist, indem Sie etwas Neues lernen oder erforschen oder etwas meditieren.
Nehmen Sie sich Zeit für sich selber, ohne Familienangehörige. Treffen sie
sich dann regelmäßig zum Austausch, oder zu Spiele-Runden oder gemeinsamen
Rückblicken. Vor allem aber: Nehmen Sie sich Zeit, ohne Ablenkungen auf ihr
eigenes Leben zu blicken mit der Frage: Welches Leben will ich und was muss
ich tun, um es zu leben?

Eine uralte christliche Praxis hilft mir, mit dieser Suche nach den
richtigen Leben weiter zu kommen. Es ist die Praxis der Meditation und
Kontemplation, die nicht nur die östlichen Religionen, sondern auch das
Christentum seit 200 Jahren kennt.

Für die kommende Karwoche der Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesus
Christi zu unserer Befreiung und die anschließende Zeit der österlichen
Verwandlung möchte ich jeden Tag eine kleine Meditation in diesem Blog
veröffentlichen. Ich lasse mich dabei von einem der tiefsten und
wichtigsten Meister christlicher Kontemplation inspirieren, Meister Eckart,
der zwischen 1290 und 1328 in Erfurt, Paris, Straßburg und Köln lebte,
lehrte und predigte. Aus dem komplexen und nicht ganz einfachen, aber immer
anregenden Werk von Eckart nehme ich einige Gedanken auf, wobei ich mich an
dem Kurs der sächsischen Theologin Karin Johne orientiere (Karin Johne:
Einübung in die christliche Mystik. Ein Kursus mit Meister Eckehart, 1991).

Michael Press