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Die Kreuzigung des Isenheimer Altars

Von allen gemalten Kreuzigungsdarstellungen
ist diejenige Grünewalds von 1512-15 die erschreckendste und faszinierendste.
Der Eindruck ist ungeheuer, den die Leidensgestalt Christi mit ihrem von Martern
geschundenen Leib macht. Aus dem mit Wunden übersäten Körper ragen die Spitzen abgebrochener
Geißeln heraus, während der Kopf herabgesunken im Todeskampf und von der
riesigen Dornenkrone blutig aufgerissen mit dem Leib verschmolzen ist.

Künstler wie  Paul Klee  oder der Expressionist Walter Gramatte waren so
erschüttert, dass letzterer schrieb, er habe ein Jahr lang keinen Strich mehr
tun können. Der drastische Realismus oder Expressionismus des sterbenden
Christus steht in starken Kontrast zu den Kreuzesdarstellungen, die einen
schönen Körper Christi zeigen: einen von Ostern und von seiner Göttlichkeit
verklärten Sieger über den Tod. Aber es ist nicht die Aufgabe religiöser Kunst
zu trösten. Wahr wird Kunst, wenn sie die Wahrheit zeigt, welche die Evangelien
als Geißelung, Folterung und Kreuzigung schildern. Seht diesen Mensch! Seht,
wie ihn Menschen zugerichtet haben!

Schon der Schriftsteller Joris K. Huysmann
stellte 1891 fest, dass dieser Christus Grünewalds „sich den Elenden
gleichstellt, zu deren Erlösung er kam, den Entwürdigten und den Bettlern,
allen, gegen deren Hässlichkeit und Armut die Feigheit des Menschen ergrimmt;
es ist der menschliche Christ, schwach und betrübt im Fleisch.“  Als der Isenheimer Altar 1917 bis 1919 in der
Alten Pinakothek in München ausgestellt war, erkannten die in langen Schlangen
anstehenden Menschen darin ihr Elend aus den Schützengräben und Verwundungen
des Ersten Weltkriegs wieder. Ernst Toller meinte gar ziemlich übertrieben, in
jeder Münchner Proletarierwohnung könne man ein ähnliches Elend finden wie in
diesem Bild.  Und der Maler Oskar
Kokoschka sah das wehrlose Opfer eines jeden unserer politischen Akte und der
Niedertracht des ungeistigen Menschen in uns selber.

Doch das Erschrecken über die Grausamkeit und
die Leiden sind nur eine Seite. Sie wird durch die Figuren auf der linken Seite
aufgenommen: Die krampfhaft ihre Hände ringende und damit die verkrampften
Hände Christi spiegelnde Maria Magdalena. Daneben Maria, die Mutter Jesu, die
wie in ein weißes Leichentuch gehüllt mit ohnmächtig sich (im Gebet?)
aufreibenden Händen in den Armen des Jüngers Johannes zusammengesunken ist.   

Auf der anderen Seite steht überlebensgroß
Johannes der Täufer. Er hält die Bibel in der Hand und zeigt mit seinem Finger
auf Christus. Er ist der Prophet, der Bote und Ankündiger, der Hinweisende und Prediger
des kommenden Heils: Dieser ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt
(Johannes 1,29).  Zu seinen Füßen hat
Grünewald das Lamm gemalt, dessen Blut in den Kelch des  neuen Bundes zur Vergebung der Sünden fließt.

Leiden und Erlösung, Krankheit, Heilung und das
Heil ewigen Lebens sind untrennnbar, was für moderne Menschen nicht leicht nachvollziehbar
ist. Jesus Christus kam als Arzt, um unsere Krankheiten zu heilen, die
Krankheiten der Sünde, der Verlorenheit durch die Trennung von Gott, und die
Krankheiten des Leibes. Er konnte unsere Krankheiten nur heilen, indem er sie
selbst auf sich nahm, selber von Schmerz und Folter geschlagen wurde. Denn das
ist, was sich Menschen antun.

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und
lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von
Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass
wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4-5).

Im historischen Umfeld dieses Altargemäldes war
diese Verbindung ganz deutlich: Es stand in der Kirche des Antoniterklosters in
Isenheim im Elsaß, das zugleich Hospital war für die an einer Getreide- oder Pilzvergiftung,
dem sogenannten Antoniusfeuer, sowie an Pest und Syphilis unheilbar erkrankten
Patienten. Grünewald hat in der Versuchungsszene einen dieser armen Patienten
mit seinem aufgedunsenen, bläulich angelaufenen und mit dicken schwarzen Pusteln
besetzten Körper gemalt. Die Kranken wurden zur Beginn der Behandlung und der
Aufnahme in das Klosterhospital vor die Kreuzigungsszene geführt. Hier müssen
sie in dem leidenden geschundenen Körper des Gottessohnes sich selbst
wiedererkannt habe: Ihre Leiden, ihre Krankheit hat Gott in Christus selber
erlitten und ertragen. Zugleich beichteten die Patienten ihre Sünden, denn – der
Zeigefinder des Johannes und das Lamm sagen es ja – ihre Sünden sind von dem
sterbenden Gott vergeben und erlöst. Heil und Heilung- hier wurden sie
unmittelbar und in ihrer Wirkung schockhaft befreiend erfahren.

Das Bild wird zum Medium, durch das der gekreuzigte
und auferstandene Gottessohn direkt mit uns, den kranken, Heilung und Heil
bedürftigen Menschen kommuniziert, indem wie im Abendmahl – der Kelch des
Lammes rechts im Bild – Christi Tod Erlösung, Heilung und Heil, bringen für
alle Menschen. Nur der leidende Gott kann helfen, sagte Dietrich Bonhoeffer im
20. Jahrhundert und nimmt damit auf, was schon Martin Luther 500 Jahre zuvor im
Sinne Grünewalds, der Luthers Schriften las,  gegen die mittelalterliche Theologie
eingewandt hatte: Nicht der ist ein Theologe, der nach Gottes unsichtbaren
Wesen durch das Geschaffene sucht, sondern der, der Gottes Wesen durch Leiden
und Kreuz erblickt und erkennt.  Durch den
Anblick des leidenden, gekreuzigten Gottes muss der alte Adam, der sich auf
Leistungen und Ansehen beruft, sterben, damit er von Gott in ein neues Leben
aus Christus geführt werden kann. Diese Theologie ist in Grünewalds Kreuzigung
Bild geworden, schon einige Jahre vor der Reformation.