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Filme über Jesus gelingen selten. Das liegt einfach daran, dass Jesus seit Jahrhunderten zur Projektionsfläche für verschiedene Generationen und ihre Vorlieben geworden ist. Jesus wird dann zum Revolutionär, zum Mystiker, zum ethischen Lehrer, zum Weltweisen oder zum Feministen. Die Kitschgefahr ist groß, wenn mit den typischen Filmmitteln seine Gestalt in die Gegenwart gebracht und für das heutige Publikum ansprechbar gemacht werden soll. Insofern war ich skeptisch, als ich die Ankündigung des neuen Jesusfilms „Maria Magdalena“ las. Nachdem ich ihn gesehen habe, bin ich sehr positiv überrascht und kann eine Empfehlung geben, sich diesen Film anzusehen, wenn man sich für den Beginn des Christentums interessiert.

Der gar nicht so neue Kunstgriff des Films ist es, die Geschichte der letzten Monate Jesu aus der Sicht von Maria Magdalena zu erzählen. Auch das hätte leicht schief gehen können, ist doch die Gestalt der Maria Magdalena durch die kirchliche Tradition mit der Frau die ihre Liebe verkauft (Lukas 7,36-50) fälschlich identifiziert worden, so dass sie in der bildnerischen Tradition zur Symbolgestalt der büßenden Sünderin aufstieg – auch da gibt es grandiose Kunstwerke, die aber mit der biblischen Maria Magdalena nichts zu tun haben (das Titelbild ist von 1826 und wurde vvon dem Belgischen Neoklassizisten Maes-Canini gemalt).

Das Neue Testament berichtet gar nicht so viel über sie, eine Lücke, die schon die frühen religiösen (vor allem gnostischen) Schriftsteller zu füllen versuchten, indem sie ihre Weltsicht ihr auf den Leib schrieben. Klar und deutlich wird Maria Magdalena im Neuen Testament als eine der weiblichen Nachfolgerinnen oder Jüngerinnen Jesu (die anderen kommen in dem Film leider nicht vor), als Zeugin seiner Kreuzigung und als Zeugin seiner Auferstehung gekennzeichnet; nach dem Johannesevangelium (20, 1-18) ist sie die erste Zeugin seiner Auferstehung, die sie dann den männlichen Jüngern erzählt.

Was macht nun der Film daraus? Bemerkenswert ist erst einmal, was er nicht macht: Es gibt weder eine Liebesszene zwischen Maria und Jesus, noch kitschige Geigen, um Gefühle zu wecken, noch Massenszenen im Stile der alten Monumentalfilme (mit Ausnahme eines chaotischen Auftretens Jesu im Tempel), noch eine Glorifizierung der Wunder, noch einen ausgewalzte Passionserzählung wie in dem Film von Mel Gibson aus dem Jahr 2004. 

Stattdessen nimmt sich der Film Zeit für widersprüchliche Gefühle und eröffnet damit dem Zuschauer die Chance, über den großen Graben von 200 Jahren in den Reaktionen auf Jesus die eigenen Reaktionen und Gefühle zu entdecken. Das ist schöne Filmkunst, angefangen von der Musik, die eher sparsam und zurückhaltend eingesetzt wird, über die großartige bergige Szenerie (Süditalien), die Kameraführung, welche von der Totalen, die Verlorenheit des kleinen Jüngerhaufens andeutend, dann dicht in die Gesichter zoomt, und die widersprüchlichen Gefühle der Jünger und Zuhörerinnen zeigt, bis zu den ruhigen und langsamen Schnitten, die als Gegenstück zum Actionkino, den Gefühlen Zeit lassen, sich in ihrer Widersprüchlichkeit zu entwickeln und zu äußern.

 Das erste Drittel des Films schildert die dörflich-patriarchalische Lebenswelt Marias und ihr langsamer und für damalige Verhältnisse so schockierender Bruch mit der Familie, dass sie als von Dämonen besessen von ihren Brüdern verfolgt wird. Nur durch das Verlassen der Familie kann Maria sich davon befreien, ein Schritt, den die anderen Frauen in dem Film nicht wagen. Dadurch wird sie zwar als erste Feministin geschildert, doch durch die intensive, zurück genommene und darin großartige Darstellung der Schauspielerin Rooney Mara wirkt das alles glaubhaft und nachvollziehbar, auch wenn uns von der Psychologie der Frauen vor 2000 Jahren doch einiger Abstand trennt. Es funktioniert, weil es nicht nur psychologische Gründe oder anti-patriarchale Proteste sind, sondern die mit Jesus gemeinsame Suche nach Gott, nach dem Geheimnis und Grund der Welt, welche Maria glaubwürdig macht.

Im zweiten Teil scheint Maria Jesus in seiner angestrengten und kraftzehrenden Suche nach dem Willen Gottes und den Widerständen der Menschen dagegen besser zu verstehen als die männlichen Jünger, die sich ein endlosen Debatten drüber verlieren, wann und wie denn nun das angekündigte „Königreich“ kommen werde. Jesus wird hier eher als Gottsucher dargestellt, denn als religiöser Superhero. Er hat seinen Vater-Gott nicht als seine feste Herkunft, auf die er sich verlassen kann, sondern er sucht ihn immer wieder: in der Einsamkeit und in der Öffentlichkeit bei der Auseinandersetzung mit falschen religiösen Vorstellungen. Die wenigen Wunder, die berichtet werden, werden zurückhaltend und ohne rationale „Erklärung“ erzählt, jedoch wird dabei immer die Anstrengung Jesus und seine anschließende Erschöpfung deutlich, als sei die Gotteskraft oder Kraft des Geistes in ihm begrenzt und übermenschlich – so wirkt Jesus sehr menschlich und doch anders als die anderen Menschen um ihn herum. Sicher ein recht zeitgenössisches Jesus-Porträt, das ich jedoch besser nachvollziehen kann als der Versuch, Jesus als religiösen Superhelden zu zeigen.

Der dritte, relativ kurze Teil, konzentriert sich auf die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem, auch hier nur in Auswahl gezeigt und immer gebrochen durch die Sicht Marias und der Jünger. Während Maria Magdalena hier zurück tritt, wird sie dann als erste Zeugin richtig hervorgehoben: Sie ist die erste, die versteht, was Jesus mit dem Kommen des „Königreiches“ gemeint hat. Was das mit seinem Tod und seiner Auferstehung zu tun hat, wird zumindest kurz angedeutet.  Ein Film für Gottsucher, auch für Zweifler, ein Film, der die Botschaft Jesus auch dem nicht religiösen Publikum verstehbar machen kann, mehr kann man nicht verlangen. Mehr wäre nur durch einen Griff zur Bibel und ein Meditieren der biblischen Erzählungen zu gewinnen, denn sie sprechen unmittelbar vom Glauben und Gottes Selbstoffenbarung.

Michael Press