Da der Psalm 118 in den Versen 2 bis 4 das Haus Israel, Aaron und „die den Herrn fürchten“ aufgerufen werden, Gott zu danken, gibt das Luther Gelegenheit, seine Weltsicht auszubreiten. Das Haus Israel steht bei ihm für die weltliche Macht, heute würde man sagen für die politische Macht: die Regierung und Verwaltung. Man solle für sie Gott danken, denn ohne Regierung wäre ohne Unterlass Krieg, Unfriede, Inflation, Blutvergießen, Aufruhr, Not und Jammer. Dass es überhaupt Handel, Handwerk und Wirtschaft gebe und alle davon profierten, sei ein großes Wunder Gottes, der die Welt aus dem Chaos geschaffen hat und die Form der Regierung eingesetzt habe, um Frieden und Entwicklung zu bewirken (Brief des Paulus an die Römer 13). Doch sei es auch ein Grund großer Klage, dass diejenigen, die in der Regierung sitzen oft korrupt, Prahlhänse und unfähig für ihre wichtigen Aufgaben sind. Dan sind da noch diejenigen, die als listige Betrüger mit Hetzen und Aufreizen die Regierung angreifen und nur Chaos erreichen wollen. Umso mehr sollen wir danken für eine gute Regierung.
Das Haus Aarons versteht Luther als die Kirche, Priester, Prediger und Lehrer, die durch das Wort Gottes die Welt erhalten, damit nicht „Irrtum, Rottengeister, Sekten, Ketzerei in aller Welt ist.“ Sie liefern also nach Luther Werte und Orientierung, welche die Gesellschaft beieinander halten. Jedoch sind auch sie immer gefährdet. Falschprediger, Mißbraucher des Amtes zu ihrer Lust und Ehre, Irrtum und Lüge verbreiten sich. Nur aus Gnade erhält Christus das Wort, dafür sollen wir danken.
Im dritten Vers sagen alle, die den Herrn fürchten, Dank. Damit sind nach Luther die Christen gemeint, die Gott wirklich fürchten und ihr Leben nach dem Glauben leben. Sie leben in allen Gruppen der Gesellschaft, doch es sind Wenige. Sie dienen nicht sich selbst, sondern Gott und dem Nächsten mit allem, was sie tun. Den Regierenden und den Pfarrern und Lehrern gibt Gott ein gutes Auskommen, Familie, Ehre, Macht, Friede, diesen gibt er mehr: „Trost und Hilfe in allerlei Leiden, Not und Angst, das ist der Anfang des ewigen Lebens. Doch sind diese Wohltaten der Welt verborgen, wogegen die Gottlosen sich der zeitlichen Güter erfreuen. Deshalb braucht man eine besondere Gnade, diese verborgenen Gotteskinder zu erkennen.
Luther re-orientiert unsere Werte und Perspektive. Das Regieren und die Kirche sind wichtig, doch nur wegen der wahren, meist verborgenen Gotteskinder erhält Gott die Welt. Sie leben nach etwas anderem als nach weltlichen Gütern. Sie leben in Orientierung auf das Leben mit Gott und können deshalb selbstlos andere Menschen und Gott dienen und ihm danken.
Meditation: Was sind meine wichtigsten Werte und Orientierungen? Zu welchen dieser drei Gruppen würde ich mich zählen? Für welche Gaben Gottes kann ich danken in meinem Beruf? Brauche ich eine Neuorientierung meiner Prioritäten? Was ist mir wirklich wichtig?
Ich spreche wieder mehrmals: den Satz: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.