Wenn ich mich, wie in den letzten Meditationen geübt, der Führung Gottes überlasse, wie ist es dann mit dem Leiden, das in diesen schwierigen Zeiten vielen von uns begegnet? Sich Gott zu überlassen, bedeutet, nicht nur das Gute und Schöne von ihm zu empfangen, sondern auch die Dunkelheiten meines Lebens. Denn wenn es von Gott empfangen wird, dann ist Gott darin und dabei und das Leiden überwältigt mich nicht allein.
Karfreitag merken wir: Gott hat Jesus Christus nicht vom Tod gerettet, sondern er hat ihn vom Tod auferweckt. Die Christen der ersten Jahrhunderte haben das so verstanden: Jesus Christus nimmt den Tod auf sich für uns. Er stirbt für die Zerstörungen, die Menschen sich und ihrer Welt zufügen, für ihre Feindschaft gegen Gott, er stirbt den Tod, den alle sterben müssen. Doch an ihm, dem Sohn Gottes, hat der Tod kein Recht und keine Macht. Der Tod kann ihn nicht besiegen. Er kann ihn zwar töten, doch er kann ihn nicht festhalten. So wird durch das Sterben von Jesus Christus die Macht der menschlichen Destruktivität und Sünde (Sigmund Freud sprach vom „Todestrieb“) gebrochen. Jesus Christus ist für uns gestorben, damit wir das neue Leben von ihm erhalten.
Der Apostel Paulus fasst das so zusammen: „Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind wie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Darum ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korintherbrief 5)
Es wird also ein altes Leben in ein neues Leben verwandelt. Das alte Leben ist unter der Macht des Todes und muss sterben, zu Ende gehen, damit das neue Leben aus dem alten entstehen kann. So etwas kennen wir alle im Kleinen: Jeder Abschied von einem lieben Menschen ist solch ein „kleiner Tod“, jedes Wiedersehen ein neues Leben. Ständig müssen wir in unserem Leben Abschied nehmen und etwas Neues anfangen.
Das kann uns helfen, besser zu verstehen, was Paulus hier meint. Es gibt ein Leben, das unter der Macht der Vergänglichkeit steht. Zeichen dafür sind das Destruktive, das wir uns und anderen zumuten. Und es gibt ein neues Leben, dass unter der Macht der Auferstehung, der Liebe, des Lebens in Jesus Christus steht. Der Übergang von dem alten zum neuen Leben ist der entscheidende Schritt. Es ist aber nicht so, dass dieser Schritt einmal gegangen ist und man es sich dann im neuen Leben einrichten kann. Dieser Schritt der Verwandlung ist immer wieder zu gehen, solange wir noch in dieser Welt leben, in der es Leiden, Sterben und Sünde gibt.
Meister Eckart sagt: „Bist du völlig unten, so empfängst du auch völlig und vollkommen.“ Und: „Wisse, dass Gott wirken und sich eingießen muss, sobald er dich bereit findet … ganz so wie wenn die Luft lauter und rein ist, die Sonne sich in sie ergießen muss und sich dessen nicht enthalten kann.“
In diesen drei Tagen von Karfreitag bis Ostersonntag wollen wir die Mediation etwas anders gestalten, denn im Mittelpunkt steht das Wort Gottes, Gottes Heilszusage durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.

Suche dir wieder einen Ort, wo du eine Weile ungestört sein könnt. Lege alle Ablenkungen weg. Wenn du deinen Sitz gefunden hast, schließe für eine Zeit die Augen.
Du kannst nun ein Gebet sprechen, das Vaterunser, oder ein Gebet zu Karfreitag wie dieses Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG 97):
Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison (= Herr, erbarme dich), sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht. Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht! Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr, ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Nun könnt ihr eine neue Meditation ausprobieren: Ich stelle mich hin und breite meine Arme in Kreuzform aus. In der Haltung von Jesus am Kreuz. (Auch wenn mir klar ist. Ich bin nicht Jesus.) Ich bleibe eine Weile in dieser Haltung und merke auf meinen Atem und nehme die Signale meines Körpers wahr.
Die Arme werden schwer, es wird mühsam, sie zu halten. Ich fühle mich ausgeliefert und schutzlos. Vielleicht merke ich aber auch, dass ich dadurch offener für Gott werde.
Ich setze mich wieder hin und denke an einen Satz: Für mich gestorben, damit ich mit ihm lebe.
Ich schließe ab mit einem Gebet der Fürbitte:
Jesus Christus, dein Kreuz – Zeichen der Not, des Unrechts, des Todes – es ist nicht das Ende, sondern der Beginn des neuen Lebens. So wird es zum Zeichen der Hoffnung, weil du, Jesus Christus, lebst und in unseren Leiden bei uns bist jetzt und bis zum Ende der Welt.
Ich bitte für die einsam Sterbenden, für die, die ohne Schutz und Hilfe sind. Nimm sie unter deinen Schutz – erbarme dich.
Ich bitte für die Krankenschwestern, die Ärzte und Forscherinnen, die Erzieherinnen, Verkäuferinnen, Musiker, die Busfahrer, die Politikerinnen und Politiker. Nimm sie unter deinen Schutz – erbarme dich.
Ich bitte für alle, die sich Sorgen um die Zukunft zu machen, über ihren Beruf, ihr Einkommen, ihr Studium. Nimm uns alle unter deinen Schutz – erbarme dich.
Ich bitte dich für … (bestimmte Menschen)
Jesus Christus, führe uns alle durch deinen Tod zum Leben deiner Auferstehung; verwandle unser Leiden in Freude, denn Du bist unsere Hoffnung. Amen.
Michael Press