Der Karsamstag ist nach einem Hinweis aus dem Petrusbrief in der christlichen Tradition als der Tag verstanden worden, an dem der am Kreuz getötete Sohn Gottes in der Unterwelt ist, um den Verstorbenen die Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben zu bringen. Das ist eine tiefsinnige symbolische Erzählung über den Sieg Gottes über den Tod. Sie eignet sich jedoch nicht für eine Meditation.
Es gibt dieses wunderschöne Passionslied von Paul Gerhard, „O Haupt voll Blut und Wunden“, das Johann Sebastian Bach in seine Matthäus-Passion verarbeitet hat. Dort wird das, was die altchristliche Tradition über die Gegenwart Christi im Todesreich erzählt, als Trost im Angesicht des Todes so ausgedrückt: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du denn herfür, wenn mir am allerbängsten, wir um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“ (Lied 85 im Evangelischen Gesangbuch).
Jesus Christus ist für mich gestorben. Das gibt mir Hoffnung und Zuversicht, dass Jesus Christus im Leiden und auch im Sterben bei mir und bei allen Menschen ist, die dieses erleben. Leiden und Sterben sind keine gottfernen oder gottlosen Stunden mehr. Jesus Christus ist auch dort und er hat die Macht des Todes gebrochen, alles Leben zu besiegen. Jesus ist Sieger über den Tod, heißt es in den Ostergebeten.
Von dem Sieg über den Tod reden die alten Gebete der Ostkirche (das sind die Kirchen des ehemaligen Byzantinischen Reiches). Dort heißt es in dem Abendgebet am Karsamstag:
„Herr, du hast unsren Schuldschein am Kreuze zerrissen. Während man glaubte, dich im Reich der Toten zu wissen, hast du dort den Tyrannen (den Tod) gefesselt, durch deine Auferstehung alle aus des Todes Banden errettet. Durch sie haben wir Licht empfangen, Christus, o unser Gott, und wir rufen zu dir: Gedenke in deinem Reiche auch unser.
Stöhnend ruft heute die Unterwelt: Dahin sind meine Gewalten. Ach hätte ich doch Jesus Christus nicht aufgenommen. Ganz und gar nicht vermag ich es, ihn festzuhalten, nein, ich werde mit diesem vieler beraubt, die ich beherrschte. Von jeher besaß ich die Toten, doch dieser – schau – erweckt sie alle. … Da er zu mir gekommen, hat er meine Herrschaft vernichtet und die ehernen Tore zertrümmert. – Ehre sei deinem Kreuze und deiner Auferstehung, o Herr.“
Und in einem Gebet aus Konstantinopel aus dem 5. Jahrhundert heißt es in paradoxer Zuspitzung: „Heute wurden die Fesseln gelöst, die die Schlange im Paradies geschmiedet hatte (da durch den Sündenfall im Paradies der Tod über die Menschen kam). Heute wurden die Sklaven freigelassen. … Heute leuchtet das Licht in der Finsternis und hat die Kammern des Todes geleert. Heute wurde in das Gefängnis ein neuer Königsweg gebaut. Heute zerschmetterte er die ehernen Türen und zerbrach die eisernen Riegel, der als Toter von der Unterwelt verschlungen wurde und sie als göttlicher Logos verwüstete … Heute rufen auch die, die vorher klagten, mit lauter Stimme: „Tod, wo ist dein Sieg, Unterwelt, wo ist dein Stachel?“ (1. Korinther 15,55).
So wird der Karfreitag und Karsamstag von der Auferstehung, von Ostern, her zum Sieg über den Tod.
Wenn du möchtest, kannst du diese Gebete langsam und laut sprechen und ihnen nachdenken. Oder du zündest eine Kerze an als Symbol des Lichtes in der Dunkelheit und schaust auf diese Kerze mit dem Gedanken: Jesus Christus hat das Licht in alle Dunkelheiten gebracht, er ist das Licht auch für mich und für alle Menschen, die dieses Licht jetzt brauchen.
Michael Press