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Warum bietet die ESG eine Diskussionsrunde zum Klimawandel an?

Bis auf ein paar hartnäckige Gegner wissen alle, dass das Leben auf der Erde durch den Klimawandel bedroht ist. Wer es nicht schon aus eigener Anschauung erfahren hat, kann das alles nachlesen; zum Artensterben siehe den vorigen Blog, den Ursachen der Hitzesommer und zunehmender Stürme, den Berichten des unabhängigen Internationalen Wissenschaftsrates zum Klimawandel (IPCC) oder der Klimakonvention der Vereinten Nationen (UNFCC), die in Paris 2015 sich auf eine Begrenzung des Anstiegs der globalen Mitteltemperatur auf 2 Grad geeinigt hat.

Wenn das alles so klar ist, warum fällt es dann so schwer, die Wirtschaft, Technologie, Politik und das Verhalten so umzustellen, dass die Erde bewahrt wird? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Es sind einmal die realen Interessen derjenigen, die von dem jetzigen Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Kohle oder Öl profitieren, es sind aber auch die Modelle von Entwicklung, Lebensstandard und Umgang von der Natur, die sich weltweit durchgesetzt haben und in den Köpfen der meisten Menschen sind. Diese Modelle und Ideen verhindern, dass sich Politik und Wirtschaft auf etwas ganz Anderes einstellen, ein nachhaltiges Leben nicht auf Kosten, sondern mit der Erde und ihren begrenzten Ressourcen. Damit sind Fragen der globalen Gerechtigkeit und von globalen Konflikten berührt.

Das Grundproblem ist, dass die Erde für die weitere Ausdehnung des westlichen Wohlstands- und Konsummodells nicht mehr genügend Ressourcen hat. In einem vereinfachten Beispiel gesagt, müsste für jedes Kohlekraftwerk, das in Indien oder China neu ans Netz geht, eines in Europa oder den USA abgeschaltet werden, und für jedes Auto, das in China oder Malaysia neu zugelassen wird, eines in Europa oder den USA stillgelegt werden. Die westlichen Länder haben ihre Entwicklung seit 200 Jahren durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe und damit den Ausstoß von CO² vorangetrieben, die asiatischen Länder, in denen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, hat mit erheblichen Anstrengungen mit diesem Wachstumsmodell seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erfolgreich Armut bekämpft und den Wohlstand vermehrt, was aber dramatische Auswirkungen auf den Klimawandel und die Umweltvergiftung in Asien hatte.   

In der ersten Diskussion ging es um das Buch des bekannten indischen Schriftstellers Amitav Gosh (Die große Verblendung, 2016). Ausgehend von Beobachtungen zum Weihnachts-Tsunami 2004 und einer Überschwemmung im Mumbai im Jahr 2006 fragt er sich, warum so viele kleine und große Städte Asiens am Meer gebaut wurden? Darin sieht er ein Muster aus der Kolonialzeit, das im Gegensatz zu der verdrängten Weisheit der alten Völker stand, die aus Respekt vor den Naturkräften eher an erhöhten Orten im Inland gesiedelt haben. Nach ihrem starken Wachstum, das oft mit einer Zerstörung der Umwelt, etwa der Mangrovenwälder einherging, beherbergen die asiatischen Meerstädte heute oft die Finanz-, Handels- und Regierungszentren, teilweise auch Atomkraftwerke, so dass Überflutungen und schwere Stürme katastrophale Auswirkungen haben werden.

Die Ursachen liegen für Gosh in einem Denken, das sich seit der Aufklärung und dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaft im Westen durchgesetzt hat und durch die Kolonialzeit sich weltweit durchsetzen konnte. In diesem Denken wird die Natur als beherrschbares Material der Entwicklung behandelt.  Andere, in Europa, aber vor allem auch in Asien verbreitete Vorstellungen des Zusammenlebens mit der Natur, der Harmonie mit der Erde und der gegenseitigen Abhängigkeit, wurden dadurch verdrängt und überrollt. Gosh zitiert das Beispiel Gandhis, dem es zwar gelang, die Briten aus Indien zu vertreiben, der aber völlig mit seinen Warnungen vor einem westlichen Wachstums- und Entwicklungsmodell scheiterte.

Seitdem gewinnen auch in Asien diejenigen Politiker die Macht, die den Menschen einen sich an Europa oder Amerika annähernden Wohlstand versprechen. Ganz deutlich ist das bei der Kommunistischen Partei in China, die nun mit den überall sichtbaren Folgen des enormen Wirtschaftswachstums, der Industrialisierung und Urbanisierung zu kämpfen hat. Mit vergifteten Äckern, verschmutzter Luft, Versteppung und Wassermangel. Die Antwort der von vielen Ingenieuren geleiteten Staatsführung ist ein gigantisches Geoengineering, also der Versuch, durch Technik die negativen Folgen des Wachstums und des Klimawandels in den Griff zu bekommen: durch gigantische Staudämme, Fluss-Umleitungen, Tausende von Kilometern von Wasserleitungen, Abtragen von Bergen, Neuanpflanzungen von Wald, Beschießen des Himmels mit Ioiden, um Regen zu erzeugen oder Förderung von Elektrofahrzeugen. Die Natur wird dabei nur als Rohstoffspeicher, zu bezwingendes Hindernis oder Dienst für die menschliche Entwicklung wahrgenommen.

Dadurch dass in Asien die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, ist der Beitrag zur globalen Erwärmung heute größer als in allen anderen Weltregionen, wenn auch pro Kopf immer noch erheblich niedriger als in den USA oder in Europa. Gleichzeitig gehören viele Regionen Asiens zu den am meisten vom Klimawandel betroffenen Gebieten, etwa die riesigen Mündungssdeltas und niedrigen Ufergebiete in Bangladesh oder Bengalen, sowie die durch Wassermangel versteppenden Landwirtschaftsgebiete in Indien oder Pakistan. Erst dadurch ist in Asien die „Große Verblendung“ (Gosh) sichtbar geworden, in einem Asien, das versuchte, dem westlichen modernen Lebensmuster zu folgen und nun die Grenzen und die negativen Folgen dieses Modell als erstes zu spüren bekommt.

Damit ergibt sich aber das Paradox, dass der jetzige Zustand der Erderwärmung durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe zuerst einmal die Folge des Konsums und der Entwicklung der westlichen Staaten ist, die in der Kolonialzeit dieses Modell mitbrachten, die Entwicklung der Kolonien jedoch verhinderten, während heute die Entwicklung in Asien zwar möglich und machbar erscheint, aber unausweichlich zu einer Zerstörung der Lebensgrundlagen führen würde.

Wie sind die Reaktionen darauf? Während es im Westen durchaus verbreitete Bewegungen zur Bewahrung der Erde gibt, sind diese in Asien kaum vorhanden und das Thema spielt praktisch keine Rolle, wogegen Fragen der Religion, Identität, Entwicklung oder Macht durchaus öffentlich diskutiert werden. Gosh führt das darauf zurück, dass das alternative Denken durch das westliche Fortschritts- und Entwicklungsdenken völlig verdrängt wurde. Andrerseits gibt es in Asien auch nicht die politischen Polarisierungen, die sich zwischen Klimawandel Leugnern, bzw. Verfechtern einer neoliberalen Agenda und Klimaaktivisten auftut.

Es gibt auch bislang nicht die Politik des „bewaffneten Rettungsbootes“, also der Zäune, Mauern und Abwehr der Klimafolgen etwa durch Massenmigration und militärische Sicherung des westlichen Wohlstands, die Gosh in angelsächsischen Ländern sieht. Die asiatischen Eliten tendieren eher zu einer Zermürbungspolitik: Da die Bevölkerung Not und Elend sowieso gewöhnt ist und da das familiäre Sicherungssystem sich als recht widerstandsfähig erwiesen hat, mögen sie auch die Folgen des Klimawandels noch ertragen, so lange es Hoffnung gibt, dass es mit der Wirtschaft und damit auch der zukünftigen Generation besser gehen wird. Kein Politiker ist bereit, öffentlich zuzugeben, dass die großen Entwicklungs- und Modernisierungsanstrengungen Asiens letztlich ein Irrweg sind, der in die Klimakatastrophe führen wird.

Fazit von Gosh: Die Industrialisierung Asiens, die mit dem Ende der Kolonialzeit begann, ist bis heute die Hauptlegitimation der asiatischen Politik, ihre negativen Folgen werden ignoriert, oder mit unzureichenden, vorwiegend technischen Möglichkeiten versucht zu bekämpfen.

Amitav Gosh ist eigentlich Romanautor und bedauert, dass auch die Schriftsteller die Fähigkeit verloren haben, alternative Modelle eines Lebens zu beschreiben, die einen Ausweg aus der Krise zeigen könnten.

(Foto von Michael Press über die Skyline von Kuala Lumpur in Malaysia).