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Es ist noch nicht zu spät!

 

Während Schneemassen Süd-Bayern bedecken, wohl
ebenso wie der Hitze- und Trockensommer ein Zeichen des
Klimawandels, schwanken die Emotionen zum Klimaschutz zwischen Resignation,
Pessimismus und vorsichtigem Optimismus.

Bei den Verhandlungen in Kattowitz im Dezember
2019 haben sich als mächtige Gegner der Umstellung die Profiteure der
Ölwirtschaft, Rußland, die USA und Saudi-Arabien (auch die neue Regierung von
Brasilien) zusammengetan.

Es wurde klar, dass der Übergang von einer
Wirtschaft der fossilen Brennstoffe zu einer Wirtschaft der erneuerbaren
Energien nicht ohne Widerstände und
Kämpfe
passieren wird. Schon im letzten Wahlkampf in den USA hatten die
Gelder von Profiteuren der fossilen Brennstoffe Trumps Wahl gefördert und auch
das Putins Regime hat seine Stütze in der russischen Öl- und Gasindustrie.

 

Vor der Konferenz von Kattowitz waren
alarmierende Daten bekannt geworden, wonach der CO² Ausstoß im letzten Jahr
zugenommen und Rekordmarken erreicht hat. Dabei sollte er nach den
Selbstverpflichtungen der Staaten eigentlich abnehmen. Das Pariser Abkommen von
2015 sah ja vor, dass die Vertragsstaaten Klimaschutzpläne entwickeln. Diese nationalen
Pläne sollen durch multilaterale Instrumente wie den Waldschutz durch
Kompensationszahlung, den Emissionshandel und die Finanzierung der Umstellung
für ärmere Staaten begleitet werden.

Schon Ende 2018 zeigte sich, dass die bis
dahin vorgeschlagenen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichten, die Erwärmung auf
2 Grad zu begrenzen, sondern das eine 3 Grad Erwärmung mit schlimmen Folgen immer
wahrscheinlicher wird. In Kattowitz wurden nach langen Verhandlungen
schließlich einheitliche Berichtssysteme beschlossen, welche die nationalen
Ziele vergleichbar machen. Es wird alle 5 Jahre eine Bestandsaufnahme geben,
doch auf Sanktionen für fehlenden Klimaschutz oder auf eine einheitliche
Besteuerung des CO² Ausstoßes konnte man sich nicht einigen.

Bisher gelingt es nicht, die entgegenstehenden
Interessen zu versöhnen. Schon die Agenda 2030, die von den Vereinten Nationen
im Jahr 2015 beschlossen wurde, blendet aus, dass es zwischen den einzelnen „Sustainable
Development Goals“ Konflikte gibt, wie etwa die Forderung zu Zugang für Energie
für alle und das Ende der fossilen Brennstoffe.  

 

Das Bestreben, auf fossile Energien zu
verzichten, muss auf die ganze Wirtschaft erweitert werden“, zitiert die ZEIT die
Direktorin des Tyndall-Zentrums für Klimawandel-Forschung, Corinne Le Quéré (https://www.zeit.de/news/2018-12/06/projektion-weltweiter-co2-ausstoss-steigt-weiter-181205-99-97117).
Vor allem der Energiebedarf wachsender Pkw und Lkw-Flotten,der Luftfahrt und des
Schiffsverkehrs, sowie die zunehmende Kohleverbrennung in China und Indien sind
für den Anstieg der Emissionen verantwortlich.

Die Klimaforscher haben errechnet, dass weltweit
noch 800 Gigatonnen CO² in die Atmosphäre abgegeben werden dürfen, um die 2 Grad
Grenze (Temperaturanstieg) einzuhalten. Daraus lässt sich für jedes Land eine
Höchstmenge errechnen. Wenn Deutschland sein jährliches Volumen von 0,8
Gigatonnen CO² Emissionen beibehält, wäre in 12,5 Jahren der Gesamtanteil
Deutschlands an den 800 Gigatonnen ausgeschöpft und die Emissionen müssten auf
Null sinken. Aus diesen Berechnungen wird auch deutlich, dass 90% der noch in der
Erde befindlichen Vorkommen von Kohle, und zwei Drittel der Erdöl- und Erdgasverkommen
in der Erde bleiben müssen.

 

Das hört sich nicht gut an. Doch schaut man
sich die auf den Tisch liegenden Vorschläge an, dann ist die Wende durchaus möglich
(O. Edenhofer und M. Jakob: Klimapolitik. Beck Verlag 2017). Es ist eigentlich
verblüffend einfach: Erstens müssen
die Subventionen gestrichen werden, mit denen zurzeit die fossilen
Energieträger subventioniert werden (laut Edenhofer ca. 150 US$ pro Tonne CO²).

Zweitens muss ein Mindestpreis für die Emission von CO² festgesetzt werden, den
jeder Nutzer fossiler Brennstoffe bezahlen muss (Edenhofer geht hier von 50 US$
pro Tonne aus – die Höhe schwankt und richtet sich nach den Reduktionszielen).
Dieser Emissionspreis kann als Steuer, per Emissionshandel oder als Mautgebühren
bezahlt werden. Der Haken dabei: Diesem Mindestpreis müssten so viel Staaten
wie möglich zustimmen, damit nicht ein Verhalten ermutigt wird, die dann mangels
Nachfrage billigere Kohle oder das billige Öl einzukaufen, und damit von den anderen
Staaten, die alternative Energien installieren zu profitieren.

Drittens, können durch die eingenommenen Steuern von ca. 2,5 Billionen US$ pro
Jahr und den gesparten Subventionen von ca. 500 Milliarden US$ pro Jahr die
Umstellung auf regenerative Energien, des Verkehrs, der Industrie und der
Häuser, sowie die Kompensationen für den Waldschutz besonders in den ärmeren
Ländern und für ärmere Menschen bezahlt werden. Das ist möglich, denn der
universale Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäranlagen und Elektrizität aus
regenerativen Quellen würde jährlich „nur“ 1 Billion US$ kosten (Edenhofer, S.
82).

All das verlangt einen großen Kraftaufwand und
braucht unbedingt Sozialtransfers und flankierenden Steuerreformen, um Härten
für Menschen mit geringen Einkommen auszugleichen. Das wird ja zurzeit auch für
den Kohleausstieg in Deutschland diskutiert, wie die betroffenen Regionen neue
Arbeitsplätze schaffen. Nur muss ein solcher Kohleausstieg zuerst europaweit,
dann weltweit angegangen werden, damit es für das Klima etwas bringt.

Je länger die Politiker mit der Umstellung
warten, desto teurer wird es. Wenn man jetzt mit der Besteuerung anfangen
würde, sind die Kosten der Umstellung auf eine nach-fossile Welt finanzierbar,
denn umgelegt auf die jährliche Wachstumsrate der Weltwirtschaft würde es nur
ein Einbuße des jährlichen Wachstums von 0,04 bis 0,14% bis 2100 bedeuten
(Edenhofer, S. 52). Eine weitere Verzögerung der Umstellung würde allerdings
die Kosten drastisch erhöhen. 

 

„Kattowitz offenbart Staatsversagen“, titelte das
Handelsblatt (17.12.2018).

Genau dieses Staatsversagen hat der Anfang
2015 zu früh verstorbene Münchner Soziologe Ulrich Beck vorausgesagt. In seinem
aus dem Nachlass veröffentlichten Buch (Die Metamorphose der Welt) hofft er auf
neue Akteure und Zweckgemeinschaften als Träger der nötigen Veränderungen.
Diese Gemeinschaften entstünden, weil immer mehr Menschen verstünden, dass
keine Nation und kein Staat und keine Gruppe von Menschen allein ein Problem
lösen könne, welches die ganze Welt beträfe. Keine nationale Regierung sei in
der Lage, die Probleme zu lösen und überall zeige sich das Versagen der Regierungen.

Deshalb setzt Beck seine Hoffnung auf eine
große Metamorphose, die wachsende „Weltanziehungskraft“ neuer Akteure, die
nationale, ethnische und religiöse Grenzen überwinde. Statt Wandel, der zu vieles
unverändert lasse, prophezeit Beck die große Verwandlung, die mit der
Globalisierung begonnen habe, nun aber mit der Welt-Risiko-Gemeinschaft des Klimawandels
es möglich mache, die Fehler des Neoliberalismus und des nationalen Freund-Feind
Denkens hinter sich zu lassen. Die indigenen Bewohner der Regenwälder, die
Fischer aus Bangladesh und die Textilarbeiterinnen in Pakistan, die grünen
Intellektuellen in Europa und die Mönche im Himalaja treffen sich im Internet
und den Social Media, auf Konferenzen und arbeiten gemeinsam für die große
Veränderung. Die von den Folgen des Klimawandels besonders betroffenen
Millionenstädte schließen sich zu Vereinigungen zusammen, welche die nationale
Politik hinter sich lassen. Der Mensch des 21. Jahrhunderts sei ein Kosmopolit
und werde das kosmopolitische Problem Klimawandel auch dementsprechend angehen,
so die Hoffnung von Beck. Wenn man sich die Wiederkehr der nationalistisch
autokratischen Regierungen in Europa, Brasilien oder den USA, aber auch der
egoistischen Protestbewegungen z.B. in Frankreich oder England ansieht, fragt
man sich, wie weit das nicht Wunschdenken bleibt.

 

Es bleibt dabei: Die große Metamorphose oder
Umstellung zu einer nach-fossilen Welt und die Begrenzung des Klimawandels ist
noch möglich. Aber sie verlangt erhebliche Anstrengung über nationale Egoismen hinweg.
Konflikte und Widerstände müssen benannt werden. Es muss einen fairen Ausgleich
für die Armen geben. Ordnungsmaßnahmen, politische Entscheidungen und persönliche
Einstellungsänderungen müssen Hand in Hand gehen.

 

Was können Religionen und speziell das
Christentum dazu beitragen? Allen Religionen ist die Bewahrung der Schöpfung
und die Sorge für die Armen wichtig. Mein Glaube verändert mein Wertesystem.
Nicht mehr die materiellen Besitztümer, nicht mehr Egoismus oder
Konkurrenzdenken, sondern Teilen und Liebe haben oberste Priorität. Mein Glaube
ermöglicht mir, auch mit weniger auszukommen, wenn ich dafür mehr meinen
Schwestern und Brüdern abgeben kann. Deshalb sollten die Religionen, deshalb
sollte der Glaube ein starker Motor der notwendigen Veränderung sein.

Michael Press

(Foto M. Press aus Singapur)