Oft hört man, der Glaube gibt Trost und Friede. Nach Luther wird der Glaube sicher trösten, das ist jedoch nicht dasselbe wie ein Gefühl des Seelenfriedens. Der wahre Trost besteht vielmehr darin, sich ohne Maske so vor Gott zu erkennen, wie einen Gott selber erkennt. Wenn Paulus in seinen Briefen „Gnade und Frieden in Christus“ wünscht, so wird einem das zugesprochen. Es ist in Luthers Worten eine Verheißung, und nicht etwas, was man hat. Gott begegnet dem Menschen immer auf zweierlei Weise, als heiliger Richter und als erbarmender Christus. Denn in der Begegnung mit dem heiligen Gott merke ich, dass ich nicht so bin, wie Gott mich und alle anderen Menschen will. Da Gott in seiner Heiligkeit gerecht ist, kann er nicht anders als mir das Unrecht, in dem ich lebe, aufzudecken. Trösten bedeutet dann nicht Zudecken, sondern Aufdecken, nicht Verharmlosen, sondern Wahrnehmen, wieviel Erneuerung ich brauche, wieviel falsch ist in meinem Leben (Ebeling, Luthers Seelsorge, 399). Immer wieder kehrt Luther zu diesem Punkt zurück, zum Beispiel in der Auslegung der Vaterunser- Bitte: Dein Wille geschehe. „Es ist notwendig: Soll Gottes Wille geschehen, so muss unser Wille untergehen, denn die beiden sind gegeneinander. Das merk an Christus: Als er im Garten seines Vaters bat, daß er den Kelch von ihm nehme, sagte er: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Mußte Christi Wille untergehen, der doch ohne Zweifel gut, ja der allerbeste gewesen ist, damit der göttliche Wille geschehe, was wollen dann wir armen Würmlein auf unseren Wille pochen, der doch niemals ohne Bosheit ist und allezeit verdient, daß er verhindert werde? … Siehe, was für einen mächtigen Schlag gibt dies Gebet, dass unser Leben nicht anders sei als ein Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Willen … allein dadurch erhalten, dass wir das erkennen, klagen und dafür herzlich bitten … Nun gibt es nichts, was dem Menschen so sehr lieb und so schwer zu lassen ist wie sein Wille. Viele tun große, gute Werke; aber ihrem Willen und aller Neigung folgen sie ganz entschieden und meinen dennoch, sie seien wohl dran und täten nichts Übles. … Manche klagen: Ich meinte es so herzlich gut, ich wollte einer ganzen Stadt geholfen haben, aber der Teufel wills nicht leiden (heute: die Umstände haben es verhindert). Sie zürnen und rasen, daß ihr guter Wille verhindert ist. Wenn man es bei Licht ansähe, würden sie finden, daß es bloße Einbildung gewesen ist und daß sie mit ihrem guten Willen nichts anderes als ihren Nutzen oder Ansehen oder wenigstens ihren eigenen Willen gesucht haben. … Nun merkst du, daß Gott in diesem Gebet uns wieder uns selbst bitten heißt, wobei er uns lehrt, daß wir keinen größeren Feind haben als uns selbst. Denn unser Wille ist das größte in uns und wider uns und wir müssen bitten: „Vater, laß mich nicht dahin fallen, daß es nach meinem Willen gehe. Wehre meinem Willen, es gehe mir nicht nach meinem, sondern allein nach deinem Willen.“ (zit. nach Herderbücherei Texte zum Nachdenken: Martin Luther, 104-107).
Zur Meditation:
Ich denke über meinen Willen nach im Verhältnis zu Gottes Willen.
Wenn ich schon mit Meditation Erfahrung habe, kann ich die folgende Übung machen:
Ich sitze eine Weile still, lasse die Gedanken kommen und gehen, ohne sie festzuhalten, und konzentriere mich auf den Atem. Ein und Aus. Dann verbinde ich das Atmen mit der Vaterunserbitte: Beim Ausatmen denke ich „nicht mein“, beim Einatmen: „Dein Wille geschehe.“ Das mache ich ca. 15 Minuten lang und nehme wahr, was passiert. Gott füllt mich mit seinem Willen indem er mich mit Atem füllt, der nach der Bibel sein lebendiger Geist ist.