Die österliche Erfahrung nennt Meister Eckart die Gottesgeburt in der Seele. Das Bild der Geburt ist natürlich weihnachtlich – Christus wird geboren. Doch inhaltlich ist die zugrunde liegende Erfahrung eine Ostererfahrung, denn der Mensch wird hier eins mit Gott und neu geboren, wie Paulus sagt: „Denn wie in Adam (dem alten Menschen) alle sterben, so werden in Christus (dem Auferstandenen) alle lebendig gemacht werden.“ Oder wie Jesus in seinen Abschiedsreden sagt: „Ich habe Ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du (Gott Vater) mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir (Gott Vater und Sohn) eins sind, ich in ihnen und du in mir.“ (Johannesevangelium 17,22).
Wenn der Mensch offen ist, „abgeschieden“, „gelassen“ und gelöst von allen Bindungen, frei geworden für die Gottesbegegnung, da bricht Gott in die Seele ein, jäh wie ein Blitz. Das zerstört alle Vorstellungen von Gott und von sich selber und wird der Durchbruch zu einem neuen Menschen in Einheit mit Gottes Kraft der Auferstehung, die Gottes Leben selber ist. Der Sohn, Jesus Christus, ist die Liebe Gottes, der Vaters. Wenn Menschen in und durch diese Liebe verwandelt werden, dann wird der Sohn in ihnen geboren und sie werden gleich mit ihm. Natürlich bleibt das nicht für sich als ein geschlossener Kreislauf der Liebe, sondern äußert sich in der Liebe zu anderen Menschen. Der liebt, der aus Gott die Liebe in sich schöpft.
Meister Eckart hat diese Gottesgeburt in der Seele immer wieder beschrieben, so an einer Stelle: „Ich habe schon oft gesagt, dass in der Seele eine Kraft ist; diese Kraft fließt aus dem Geist und bleibt im Geist und ist durch und durch geistig. In dieser Kraft lebt Gott und grünt und blüht dort voller Freude und in ganzer Pracht, so wie er bei sich selbst ist. Die Freude ist dort so herzlich und so unbegreiflich groß, dass niemand sie erschöpfend schildern kann. Denn unaufhörlich gebiert der Vater seinen ewigen Sohn in diese Kraft, so dass diese Kraft selbst den Sohn des Vaters, beziehungswiese aus der einzigen Kraft des Vaters sich selbst als denselben Sohn mitgebiert.
Besäße ein Mensch ein ganzes Königreich oder alles Gut der Erde und gäbe er alles allein um Gottes willen hin und würde einer der ärmsten Menschen, die irgendwo auf der Erde lebten, und gäbe ihm Gott soviel Leid, als er je einem Menschen gab, und litte er dies alles bis zu seinem Tod und ließe dies alles bis zu seinem Tod und ließe ihn dann Gott nur einmal mit einem Blick schauen, wie er in dieser Kraft ist: seine Freude würde alles Leid und alle Armut übersteigen, so dass sie ihr gegenüber gering erschienen. Gott ist nämlich in dieser Kraft wie in einem einzigen Augenblick. … Nun seht, dieser Mensch wohnt mit Gott in einem Licht. Deshalb gibt es in ihm kein Leid und keine Zeit, sondern nur unveränderliche Ewigkeit.“ (Predigt zu Lukas 10,38).
Wir dürfen natürlich nicht erwarten, dass wir diese „Gottesgeburt in der Seele“ nach einigen Tagen oder Wochen der Meditation oder des Gebetes erreichen können. Sie kann überhaupt nicht durch unsere Bemühungen erreicht werden, sondern sie ist freies Geschenk Gottes, das was wir Gnade nennen. Als solche kann sie aber jederzeit und überall passieren. Insofern können wir sie vorbereiten, indem wir uns ihr öffnen und wir können sie auch antizipieren, denn jeder sich auf Gottes Gnade einlassende Glaube kann und wird es erfahren, dieses Sohn- und Tochterwerden aus und durch Gott, dem Vater, wie es Paulus nennt oder das Einswerden mit der Liebe Christi des Johannesevangeliums.

Ich finde wieder meinen Ort und Platz, wo ich ungestört und ohne Ablenkungen sitzen kann. Wenn du willst, kannst du ein Vaterunser oder ein anderes Gebet sprechen. Ein für heute passendes Gebet wäre zum Beispiel: „Gott, der Du in mir geboren werden willst, komm!“
Ich schließe für eine Zeit die Augen. Ich lasse meine Gedanken, Bilder, Vorstellungen vorbei ziehen, ohne sie festzuhalten oder mich an ihnen festzuhalten. Immer wieder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Ein-aus. Ich versuche nicht, die Atmung zu lenken, nehme sie nur wahr. Beim Ausatmen werde ich leer und empfangsbereit. Beim Einatmen nehme ich das Leben in mich auf.
Nun wollen wir wieder unseren Atem mit einem Wort verbinden.
Beim Ausatmen sagen wir innerlich: *Jesus Christus, *
Beim Einatmen sagen wir innerlich: *Komm zu mir. *Oder:* Auferstanden.*
Das probieren wir so lange wir wollen.
Wir können schließen mit einem Gebet: Jesus Christus, schenke mir und allen Menschen die Kraft deiner Auferstehung. Amen.
Vielleicht möchte ich nach der Meditation einige Gedanken festhalten. Wie war es? Was war schwer, was leicht? Was sind Hindernisse, was mag ich daran? Möchte ich mich Gottes Führung anvertrauen und annehmen, was von ihm kommt?
Michael Press