Was über uns ist, geht uns nichts an.
Führe uns nicht in Versuchung. Diese Bitte aus dem Vaterunser Gebet bedeutet für Luther nicht, dass Gott in Versuchung führt, sondern, dass er uns in der Versuchung oder Anfechtung, die jeder erleiden muss, nicht „hineinfallen und darin ersaufen“ läßt (der Versucher ist nicht Gott, sondern sein Widersacher). Mit dieser Auslegung ist Luther übrigens Papst Franziskus nahe). Anfechtung ertragen müssen wir alle, aber ihr unterliegen und darin untergehen nicht. Die Anfechtungen kommen von „Fleisch, Welt und Teufel“. Diese traditionelle mittelalterliche Trias meint die Versuchungen oder Anfechtungen des Egoismus oder der Sorge um das eigene Wohl („Fleisch“), die Anfechtungen durch das Leben mit andere Menschen, also etwa Lieblosigkeit, Mißgunst, Neid, Zorn Ungeduld, Wut, und die Anfechtungen des Teufels, der uns von Gott abbringen und zu falschem Glauben, falscher Liebe, Verzweiflung oder Verleugnung Gottes bringen will (Großer Katechismus, Auslegung der sechsten Bitte). Zu den letzteren Anfechtungen gehören auch diejenigen Fragen und Nöte, ob mich Gott erwählt und gerettet oder verworfen hat.
In einem Brief vom 30.4.1531 gibt Luther einer Barbara Lißkirchen, die an solchen Fragen litt, folgenden seelsorgerischen Rat (bei R. Schwarz, Martin Luther. Lehrer der christlichen Religion, 371-376: Er, Luther, kenne diese Fragen und Qualen wohl, habe auch damit im Spital gelegen (bildlich gesprochen) und damals habe ihn der Doktor Staupitz (sein damaliger Ordens-Supervisor) daraus geholfen. Was aber helfe gegen solche Anfechtung? Erstens müsse man sich klarmachen, dass wir Menschen Gottes Geheimnisse nicht erforschen und wissen können, denn Gott will sie nicht von Menschen gewusst haben. Luther zitiert ein altes pseudo-sokratisches Sprichwort: Quae supra nos, nihil ad nos: Was uns zu hoch ist, geht uns nichts an. Es sei nicht Gottes Wille, dass wir über seine verborgenen Geheimnisse grübeln. Der Widersacher Gottes benutze diese Grübeleien, um Zweifel zu säen und uns Gott abspenstig und feindlich zu machen. Gott hat alles bekannt gemacht, was wir wissen sollen, der verborgene Gott, der „alles in allem“ wirkt, geht uns nichts an.
Zweitens, solle man sich an Gottes Zusage und Verheißung halten. Gott sagt mir: Ich bin dein Gott (Zehn Gebote). Er sagt mir, er werde für mich sorgen. So sagt auch Petrus: Werfet alle eure Sorge auf ihn, denn er sorgt für euch (1 Petrus 5,7, vgl. Psalm 55,23). Wir brauchen uns nicht um uns selbst zu sorgen, denn Gott verspricht, für uns zu sorgen.
Drittens: Wenn nun der Widersacher uns weiter quält, so sollen wir ihn in Schranken weisen: Ich will diesen Gedanken nicht nachhängen. Gott will das nicht. Hebt euch hinweg, ich richte mich auf Gottes Gebot. Soll doch der Teufel mit Gott selber über diese Dinge disputieren.
Viertens: Halten wir uns Christus vor Augen: Er soll unser Herzensspiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat und wie sehr er für uns gesorgt hat. Glaubst du an Christus, dann bist du berufen und auch gewiss gerettet. Wir sollen uns also die liebevolle Zuwendung Gottes zu uns in Jesus Christus vor Augen halten, darin werden wir Befreiung und Trost finden. Denn Gott wolle nicht, dass wir uns um uns selber sorgen, sondern dass wir unsere Sorgen auf Christus werfen und er für uns sorgt.
Woher weiß ich, dass Christus für mich sorgt: Weil er es im Evangelium sagt und in seinem Tod für uns demonstriert, und das ist alles was wir wissen und glauben können. Das wird uns von der Sorge weg und zur Freude an ihm bringen. Michael Press