Gestern haben wir einen lieben Menschen vergegenwärtigt. Heute wollen wir
dasselbe mit Gott machen. Auch wenn wir von Gott keine genauen
Vorstellungen haben sollten, können wir der Bibel vertrauen, dass er uns
und alle Menschen liebt. So schreibt Johannes in seinem ersten Brief: „Gott
ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in
ihm.“

Die Beziehung zu Gott ist also eine Liebesbeziehung. Wie in der
menschlichen Liebesbeziehung gehören zwei dazu, damit die Liebe sich
entfalten kann. Da liegt das Problem. Wir sind in der Regel nicht bereit,
uns der Liebe Gottes zu öffnen, denn unser Herz, das seine Liebe empfangen
sollte, ist schon besetzt. Womit auch immer, das könnt ihr euch selber
überlegen, das ist jetzt aber nicht das Thema. Meister Eckart sagt deshalb
immer wieder, dass wir leerwerden müssen, damit uns Gott mit seiner Liebe
anfüllen kann.

Dieses Leerwerden ist ein Grundbegriff jeder religiösen Mediation, zum
Beispiel im Buddhismus ist die Leere ein zentraler Begriff. Gestern haben
wir schon etwas Leerwerden geübt, indem wir die Gedanken, die uns durch den
Kopf gehen, nicht festgehalten haben, ihnen nicht gefolgt sind, sondern sie
nur ziehen gelassen haben. Das ist zwar noch nicht ein Leerwerden, aber die
Vorbereitung dafür. Heute wollen wir eine andere Methode ausprobieren. Dazu
nehmen wir die berühmte Seligpreisung von Jesus in der Bergpredigt: „Selig
seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.“ Der Evangelist Matthäus
überliefert: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das
Himmelreich.“

Dazu bemerkt Meister Eckart: Geistlich arm, das ist wie das Auge, das alle
Farben empfängt. Oder wie das Gefäß, das leer sein muss, bevor es den Wein
empfängt. So ist der, der geistlich arm ist, empfänglich für den Geist, der
Gott ist. Bloß oder arm sein, nichts haben, leer sein verwandelt die Natur.
Bloß, arm oder leer sein trägt die Seele zu Gott.

Das wollen wir probieren.

Sucht euch wieder einen Ort, wo ihr 30 Minuten ungestört sein könnt. Legt
alle Ablenkungen wie Smartphones, Uhren etc. weg. Wer seinen Sitz gefunden
hat, schließe einfach für eine Zeit die Augen (Du kannst sie auch halb
schließen). Lenke Deine Aufmerksamkeit auf Deinen Atem. Ein-aus. Ganz
natürlich und von selber geht es. Versuche nicht, die Atmung zu lenken,
nimm sie nur wahr. Beim Ausatmen wird meine Lunge leer. Ich werde in meiner
Mitte zentriert. Beim einatmen nehme ich das Leben in mich auf.

Lade die Ruhe und Stille ein, denn sie hilft Dir, zu Dir selber zu kommen.
Lass die Stille wachsen und wehre sie nicht ab.

Lass die Gedanken einfach kommen und gehen, schaue sie an, ohne sie zu
bewerten, ohne sie festzuhalten. Nach einer Weile, wenn es Dir genug
erscheint, kannst Du die Augen wieder öffnen und Dich etwas zurecht setzen,
wenn Du irgendwo Verspannungen merkst.

Das war die Vorbereitung. Nun wollen wir eine uralte Meditationsmethode
üben, die schon die Wüstenmönche vor 1600 Jahren geübt haben, die aber auch
in den östlichen Religionen sehr bekannt ist: Die Verbindung von einem Wort
mit dem Atem.

Wie nehmen die Seligpreisung und formen sie um zu einer Bitte:

Beim Ausatmen sagen wir innerlich: *Meine Armut erfülle*

Pause wir bereiten uns auf das Einatmen vor

Beim Einatmen sagen wir innerlich: *Dein Reichtum.*

Probiert es einmal aus. Oder wer möchte, kann es noch einfacher
machen: Ausatmen:
*Meine Armut* Einatmen: *Dein Reichtum.*

Das probieren wir so 10 bis 15 Minuten lang oder so lange wir wollen.

Vielleicht werden wir merken, dass alle anderen Gedanken mit dem Ausatmen
auch ausströmen und wir etwas leerer und empfänglicher werden für den
Reichtum des Lebens, das uns Gott schenkt.

Michael Press